Mitte - Das Berlinale-Programm war eigentlich schon längst fertig, als der Festival-Direktor Ende Januar ankündigte noch einen weiteren Film zu zeigen, „Das Geheimarchiv im Warschauer Ghetto“, und dazu AfD-Mitglieder einzuladen. „Ich bezahle jedes einzelne Ticket.“ Es war wohl eine spontane Reaktion auf den Eklat im bayrischen Landtag, als bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus AfD-Abgeordnete den Plenarsaal verließen, nachdem die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch gesagt hatte, die AfD stehe „nicht auf dem Boden unserer demokratischen Verfassung“.

Vermummte Gruppe attackierte nach eigener Darstellung AfD-Mitglieder

Am Sonntagabend wollten AfD-Mitglieder Dieter Kosslicks Einladung wahrnehmen. Als sie aus Richtung Alexanderplatz zum Kino International liefen, wurden sie nach eigener Darstellung von Unbekannten angegriffen und verprügelt. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt jetzt wegen gefährlicher Körperverletzung.

Laut Vadim Derksen, Mitglied des Vorstands der AfD-Jugendorganisation Junge Alternative, stürmte nahe des U-Bahnhofs Schillingstraße eine Gruppe schwarz gekleideter Vermummter von der Seite an ihn und seine Begleiter heran. „Sie schrien ,Scheiß Nazis’“, sagt Derksen. „Sie schlugen mit Fäusten auf uns ein.“ Auch mit einem Tuch mit einem harten Gegenstand darin hätten sie zugeschlagen, weshalb einer seiner Freunde eine Kopfplatzwunde habe.

Vadim Derksen von der Jungen Alternative: Polizei hat sich Nummer eines Zeugen notiert

Einer der Täter habe – vermutlich mit dem abgebrochenen Stiel eines Weinglases – auf seinen Oberarm eingestochen, weshalb er selbst leichte Stichverletzungen erlitten habe, sagt Derksen. Dann seien die Angreifer geflüchtet. Die Schläger, so der Jungpolitiker weiter, hätten in ihren Fäusten auch Blockbatterien gehabt, um die Schlagkraft zu erhöhen. „Die Batterien lagen danach überall verstreut und wurden von den Polizisten sichergestellt“, sagt er. Sanitäter der Feuerwehr behandelten die Kopfplatzwunde. Nach Angaben einer Polizeisprecherin gibt es für die Tat keine Zeugen. Derksen sagt: Die Polizei habe sich die Nummer eines Italieners als Zeuge notiert.

Kommentar zu Zwischenfall am Kino International: Beispiel für die Beschädigung der Diskurskultur

Nach der Attacke wollten sie ins Kino gehen, sagt Derksen. Aber weil der Film längst lief, habe man sie nicht mehr eingelassen. AfD-Sprecher Ronald Gläser vermutet eine Absicht: „Scheinbar hat Dieter Kosslick unsere Leute in eine Falle tappen lassen. Der Vorgang zeigt, wie vergiftet die Stimmung in Berlin ist“, sagt er. „Linksradikale bestimmen jetzt auch schon, wer ins Kino gehen darf.“

Kosslick lud zu Berlinale-Film über Warschauer Ghetto ein

Im Kino haben die Zuschauer von den Vorfällen nichts mitbekommen. Aber während der Film läuft, beginnt man zu verstehen, was Dieter Kosslick sich bei seiner Einladung gedacht hat. „Wenn sie dann noch sagen, das (gemeint ist der Nationalsozialismus) war ein Fliegenschiss, dann muss ich sagen, sollte vielleicht jemand anderes einschreiten als die Filmemacher.“

Der Film erzählt eine wenig bekannte Geschichte des Holocaust von dem einzigartigen Archiv im Warschauer Ghetto, das der Historiker Emanuel Ringelblum gründete und zusammen mit 60 anderen führte. Sie sammelten Tagebücher, Familienfotos, Ankündigungen der NSDAP, Zeitungsartikel, Schulaufsätze. Sie führten Interviews mit Flüchtlingen aus ganz Polen, die ins Ghetto kamen und gewannen so erste Informationen über den Holocaust. „Alles ist wichtig, auch die Kleinigkeiten“, sagt Ringelblum einmal zu seinen Mitstreitern.

Es war dies, nebenbei bemerkt, eine neue Art der Geschichtsschreibung. Das eigentliche Ziel der Gruppe, die sich Oneg Schabbat nannte, Freude am Schabbat, war es aber, die eigene Geschichte zu erzählen, gerade weil sie ahnten, dass sie nicht mit dem Leben davon kommen würden. Tatsächlich überlebten nur drei.

AfD bei Vorführung trotzdem präsent

Ringelblum erkannte schon damals, dass sonst das einzige, das von ihnen bleiben würde, die Nazi-Propaganda wäre, die das Ziel hatte, Juden als degenerierte, ja subhumane Wesen darzustellen. Es ging ihm um die Wahrheit, der Begriff wird immer wieder in den Aufzeichnungen genannt. Nicht um die von Interessen geleitete Wahrheit, die es bekanntlich in vielfacher Ausfertigung geben kann, sondern um die Wahrheit, die Kenntnis davon gibt, was war und ist. Und davon kann es nur eine geben. Es ist ein Thema, das zeitgemäßer nicht sein könnte. 

Die amerikanische Regisseurin Roberta Grossman erzählt die Geschichte mit Hilfe von schwer auszuhaltenden originalen Film- und Fotodokumenten, sie interviewt Experten, und sie lässt Ringelblum und andere von Schauspielern darstellen, auch wenn jedes Wort, das sie sagen, aus den Archivaufzeichnungen stammt. Es ist schade, dass sie der Tonspur nicht mehr zutraut, aber das ist ein kleiner Einwand. Man wünscht diesem Film viele Zuschauer, tatsächlich ist er bis zum 14. April in der Arte-Mediathek zu sehen.

Claudia Roth von den Grünen, Vizepräsidentin des Bundestags, die im Publikum sitzt, bedankt sich am Ende bei Roberta Grossman, die eigens nach Berlin gekommen ist für diese einzige Vorführung. „Der Film motiviert uns Gesicht zu zeigen gegenüber all denen, die versuchen, zu relativieren und umzudeuten“, sagt Roth. Alle wissen, auf wen sich dieser Satz bezieht. Auf diese Weise sitzt die AfD doch im Kinosaal.