Berlin - Eines der stabilsten Vorurteile in Architekturdebatten seit etwa 130 Jahren – also seit dem Aufstieg der modernen Massengesellschaften – ist, dass die Behausungen von Arbeitern und Armen mit schuld seien, wenn deren Bewohner radikale Parteien wählten. Sie seien eben „abgehängt“, „vergessen“, wehrten sich mit dem Stimmzettel auch gegen ästhetisch monotone, sozial und ökonomisch „vernachlässigte“ Wohnverhältnisse.

Auch jetzt wieder wird dieses Erklärungsmuster bemüht angesichts des scheinbar genau an der Bebauungsstruktur von Berlin orientierten jüngsten Wahlergebnisses. Danach hat die CDU vor allem in den Einfamilienhausvierteln des Nordens und Südwestens sowie Marzahns noch reüssieren können, die SPD in einem breiten, von kaiserzeitlichen Mietskasernen und Reformsiedlungen der 1920er-Jahre und der Nachkriegszeit geprägten Streifen von Treptow nach Spandau, die Linke in den Arbeitervierteln des Ostens.

Die Grünen gewannen in den gentrifizierten Altbauvierteln des Zentrums – dort, wo auch die vielen Baugruppen zu finden sind – und die AfD in den „abgehängten“ Plattenbauquartieren am östlichen Stadtrand.

Wählen nach Wohnverhältnissen?

Auch der genauere Blick auf die einzelnen Wahllokale scheint das Bild „Massenwohnungsbau = soziale Vernachlässigung = radikale Wahlentscheidung “ zuerst einmal zu bestätigen: Die AfD hat nämlich auch in den Großsiedlungen West-Berlins überproportional gut abgeschnitten, etwa im Märkischen Viertel, im Falkenhagener Feld, in Lichterfelde und der Gropiusstadt.

Diese direkte Linienziehung zwischen politischer Einstellung und Wohnverhältnissen hat eine lange Tradition: Schon die Französische Revolution wurde auch mit den miserablen Lebensumständen in Paris erklärt.

Damals wurde die Grundlage gelegt für die städtebaulichen Antworten des Bürgertums gegen die Angst, dass aus schlechten Wohnungen Gewalt und Revolution geboren wird. Der Radikalumbau von Paris mit den gewaltigen Boulevards des Baron Haussmann in der Belle Epoque war so eine Folge, aber auch der Reformwohnungsbau der Kaiserzeit und der 1920er-Jahre.

Damals entstanden die heutigen Baunormen, Wohnungsbaugenossenschaften und der kommunale Wohnungsbau – alles Instrumente, die bis heute wirksam sind.

Trotzdem wurde in der Nachkriegszeit gerade in Deutschland der Aufstieg erst der KPD und dann der Nazis in den 1930ern auch wohnungspolitisch erklärt: Die Weimarer Republik habe nicht genug gebaut. Absurd angesichts ihrer überwältigenden Erfolge etwa in Berlin oder Frankfurt, aber dennoch politisch wirksam.

In der DDR folgte aus dieser Behauptung erst das Projekt der „Paläste für die Arbeiter“ etwa an der einstigen Stalinallee und später der als Ausdruck gesellschaftlicher Gleichheit verstandene Plattenwohnungsbau. Die Bundesrepublik reagierte mit der Förderung des Einfamilienhauses: Adenauer soll gesagt haben, dass Hausbesitzer keine Revolution machten. Die angeblich gefährlichen Mietskasernenviertel hingegen wurden erbarmungslos abgerissen, so weit es irgend ging.

Eigentliches Problem: Überbevölkerung

Erst ist den 1970er-Jahren begann man zu erkennen, dass nicht der Bautyp Mietskaserne das Problem war, sondern seine Überbevölkerung und vor allem das Bild, das sich bürgerliche Forscher vom Leben in der Mietskaserne gemacht hatten. Erstmals wurden nun auch deren Bewohner gefragt.

Zur Überraschung vieler Forscher stellte sich heraus, dass viele Menschen eigentlich gerne in den von der Politik und den Nicht-dort-Wohnenden verachteten Häusern lebten. Aber sie hatten auch das Gefühl, es sei eigentlich sozial nicht akzeptabel, sich hier wohlzufühlen, litten geradezu unter einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex.

Genau diese Beobachtung machen seit den 1990er-Jahren auch die Forscher, die sich mit den Großsiedlungen der Nachkriegszeit beschäftigen, sei es in der einstigen DDR, in der Bundesrepublik oder der Pariser Banlieue. Das Problem sind nicht die Bauten, sondern das negative soziale Image, das mit ihnen inzwischen verbunden ist.

Ein Image, das oft konstruiert wurde: Der Spiegel etwa brachte zu Beginn der 1970er-Jahre eine ganze Serie von Artikeln über westdeutsche Großsiedlungen und ihre angeblich Brutalität. Bis heute prägen solche Texte das Bild etwa der Bremer Neuen Vahr und des Märkischen Viertels im Westteil Berlins. Die Plattenbauviertel im Osten verfielen nach 1990 gar dem Verdikt, sie seien antidemokratisch.

Dennoch flossen Milliarden in ihre Sanierung, den Umbau, die Verbesserung der Energie, der Telefone, der Verkehrswege, der Parkanlagen. Die graue Großsiedlung ist ein längst überholtes Bild. Vor allem solche mit bekannten Architektennamen wie das Märkische Viertel, wo Georg Heinrichs oder Oswald Mathias Ungers planten oder die nach dem Begründer des Bauhauses benannte Berliner Gropiusstadt schlagen sich gut im Wettbewerb darum, als attraktiv anerkannt zu werden.

Mehr Selbstbewusstsein

Mehr Probleme haben hingegen Plattensiedlungen. Typennamen wie WBS 70 versprechen kein individualisierbares Wohnerlebnis.

Aber die Türme etwa auf der Fischerinsel leiden nicht mehr unter dem Negativ-Image – ganz im Gegenteil, sie sind hoch begehrt. Man muss also offenbar nicht nur weiterhin in die Bauten und Infrastruktur investieren. Vor allem muss das Image der Randbezirke gesteigert werden und damit im günstigsten Fall auch das Selbstbewusstsein ihrer Bewohner. Keine kleine Aufgabe angesichts der Wahlergebnisse.