Marcus Koch sorgt sich um den Betrieb, in dem er 500 Schweine hält. Die Afrikanische Schweinepest hat Brandenburg erreicht.
Foto: BLZ/Gerd Engelsmann

NeuruppinBodycount. So nennt man das Aufzählen von Todesopfern bei Katastrophen. Nichts anderes spielt sich gerade im Brandenburger Landkreis Oder-Spree ab. Eine Katastrophe ausgehend von kranken Wildschweinen, die die Seuche übers Land verteilen. Für den Schweinehalter Marcus Koch, der in seinem Familienbetrieb mit Offenstallhaltung vieles besser macht als die großen Industriehalter, geht es in diesen Tagen im wahrsten Sinne um die Wurst.

Dutzende tote Wildschweine haben die Hundestaffeln, Jäger und Drohnen mit Wärmebildkameras in der 150 Quadratkilometer großen Kernzone nahe der polnischen Grenze bei Guben bisher gefunden. Alle infiziert mit dem Virus, das die Afrikanische Schweinepest auslöst.

Für Marcus Koch begann die Krisen-Zeitrechnung schon mit dem ersten Fall von ASP in Brandenburg – am 10. September. „Es trifft uns nicht unvorbereitet“, sagt Marcus Koch gute zwei Wochen später am Telefon. Eine Fahrt zu seinem Hof in Katerbow im Landkreis Ostprignitz-Ruppin wäre sinnlos, es dürfte jetzt sowieso niemand auf das Gelände. Vor ein paar Wochen war das noch anders, in der Zeitrechnung vor ASP haben wir in Schutzkleidung und mit Schuhüberziehern die Schweine von Katerbow noch im Sand herumtollen sehen. Doch jetzt haben die Kochs alle Schotten dicht gemacht.

Höchste Sicherheitsstufe auf dem Hof

„Wir haben die Meldung gehört, dass die Pest jetzt in Brandenburg ist, und haben uns am nächsten Morgen hingesetzt und beraten, was wir tun können“, sagt Marcus Koch. „Wir hatten schon vorsorglich ein Hygienekonzept erarbeitet. Jetzt greift die höchste Stufe.“

Für den Betrieb von Marcus Koch, der auf Freilandhaltung seiner Schweine setzt, ist die Situation besonders herausfordernd. Er verwertet die Schweine, die er mästet, auch selber. Ein Fall der Afrikanischen Schweinepest auf dem Hof, und alle seiner Tiere müssten getötet werden. Damit bräche auch die Grundlage für die Fleischerei und die drei Hofläden in Berlin weg.

Auf der Farm in Katerbow bei Neuruppin werden 500 Schweine gehalten.
Foto: BLZ/Gerd Engelsmann

„Ein Befall wäre die absolute Katastrophe“, so Koch. Deswegen hat er seinen 500 Schweinen jetzt strikten Stubenarrest verordnet. Vorsorglich hat er alle Tiere in Ställen untergebracht. Koch hat den nötigen Platz. Andere Bauern wie Hans-Christoph Peters aus Werneuchen, der seine Schweine ebenfalls mit viel Auslauf unter freiem Himmel hält, baut in diesen Tagen fieberhaft an einer mobilen Halle. Das Geld hat er gerade noch rechtzeitig per Crowdfunding zusammenbekommen.

Auf der Schweinefarm in Katerbow ist auch das Stroh, das bisher draußen lagerte, nun unter Dach und Fach. Denn zur Übertragung des außerordentlich widerstandfähigen Virus genügt die kleinste Verunreinigung. Ein Besucher tritt im Wald, ohne es zu merken, in eine Wildschwein-Ausscheidung und bringt am Schuh die Seuche mit. Oder sie verteilt sich über das Futter im Bestand. Für die Autos, die neue Ferkel vom Züchter bringen oder Schweine zum Schlachten abholen, gibt es daher eine Desinfektionswanne. Wer den Hof betritt, muss seine Kleidung komplett ablegen und wechseln. Sogar wenn einer der Mitarbeiter in den Pausenraum will, müsse er die Hofklamotten ausziehen, sagt Koch. Lieber auf Nummer sicher gehen.

Wegen der Afrikanischen Schweinepest haben die Tiere  in Katerbow derzeit Stubenarrest. Noch vor kurzem suhlten sie sich im Sand.
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Wenn Marcus Koch oder sein Vater Winfried durch den Stall gehen, schauen sie ihre Tiere nun noch genauer an als vorher. „Man merkt sofort, wenn etwas nicht stimmt“, sagt Koch. Das funktioniert aber nur, wenn man überschaubare Mengen hält und die Tiere den Kontakt mit Menschen gewohnt sind. In der industriellen Mast sehen Schweine selten Menschen, die Prozesse laufen hochautomatisiert.

Besucher sind verboten

Es ist einsam geworden auf dem Katerbower Hof. Führungen, Feste und all der Publikumsverkehr, der durch Corona eh schon eingeschränkt ist, sind nun bis auf Weiteres gestrichen. Dabei sind kleinere Halter wie die Kochs auf Öffentlichkeit und Transparenz angewiesen. Nur so können sie den Kunden auch zeigen, warum das Fleisch von hier teurer ist als herkömmlich produziertes.

Wie lange das noch so gehen soll? Marcus Koch weiß es nicht. Ist die Afrikanische Schweinepest einmal da, kann es Jahre dauern, bis sie wieder verschwindet. Deutschland werde frühestens dann wieder als ASP-frei gelten, wenn mindestens ein Jahr lang keine positiven Funde gemacht wurden, sagte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner gerade. Doch noch steigt die Zahl der Funde.

Brandenburg kommt bei der Eindämmung der ASP eine verantwortungsvolle Rolle zu. Das Land ist der Puffer zu den großen Betrieben in Niedersachsen. Während in Brandenburg Tausende Schweine gehalten werden, sind es in Niedersachsen Millionen. Ein fester Zaun entlang der Grenze zu Polen soll erste Entlastung bringen. Doch sollte der nicht längst stehen?

Krise als Chance für das Schweinesystem

Die Seuche sei schon jetzt viel zu nah, als dass er noch entspannt sein könne, sagt Marcus Koch. Besorgt? „Ja, aber nicht kopflos.“ Vielleicht könne man die Krise, wie so viele andere, auch als Chance begreifen. „Wir haben in Deutschland immer noch eine Überproduktion an Schweinen. Weniger Tiere wären auch genug, wenn die Bauern damit ihr Auskommen hätten.“ Die Politik sei gefragt, Betriebe, die das Tierwohl im Blick haben, auch besser zu fördern.