Als der portugiesische Seefahrer Gaspar de Lemos am 1. Januar 1502  nahe des südlichen Wendekreises in eine Bucht an der brasilianischen Küste einfuhr, hielt er sie für die Mündung eines Flusses. Er fand ein paar freundliche Indianer vom Volk der Tupinambá vor, die versuchten, ihn eines Besseren zu belehren. Lemos gab trotzdem dem nicht vorhandenem Fluss und auch der Siedlung, die er und seine Leute den Indianern vor die Nase setzten, den Namen „Januarfluss“: Rio de Janeiro. Die Eingeborenen nahm man nicht für voll.

So war das damals: Emissäre einer vermeintlich aufgeklärten und zivilisierten Gesellschaft verfügten im Namen eines höheren Guts über das Schicksal der ansässigen Bevölkerung, der man absprach, über sich selbst bestimmen zu können.

Und so ist es manchmal noch heute: Im Afrikanischen Viertel im Wedding sollen zwei Straßen und ein Platz neue Namen erhalten, weil man den Menschen dort nicht zutrauen mag, zum Beispiel über die Rolle des Arztes und Forschers Gustav Nachtigal im deutschen Kolonialreich zu reflektieren.

Vorschläge der Anwohner werden ignoriert

Schlimmer noch: Die Anwohner wurden zwar um Vorschläge für alternative Namen gebeten, und was sie einreichten, klang absolut vernünftig  – den meisten Zuspruch fanden die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba, die kenianische Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai und der global verehrte Anti-Apartheid-Kämpfer Nelson Mandela. Doch sie wurden komplett ignoriert. Stattdessen entschied sich eine „Jury“ unter anderem für die angolanische Königin Nzinga, die im 17. Jahrhundert Zehntausende ihrer Landsleute in die Sklaverei verkaufte.

Um den Skandal auszusprechen: Man wickelt in Berlin das Erbe des Kolonialismus ab, indem man sich der Mittel des Kolonialismus bedient:  Fremdbestimmung, Dünkel, Vermessenheit, Ignoranz. Die Tupinambá  konnten sich damals nicht wehren. Die Menschen im Wedding sollten es tun.