Die geplante Umbenennung von zwei Straßen und einem Platz im Afrikanischen Viertel wird zum internationalen Thema. Angehörige des Volks der Herero bemängeln gegenüber dem Senat, dass die Jury bei der Namenswahl nicht die Herero und die Nama berücksichtigt hat. Obwohl sie zwischen 1904 und 1908 im heutigen Namibia Opfer eines Völkermords durch Deutsche wurden.

In ähnlich lautenden Mails und Briefen an den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und das Bezirksamt Mitte, die der Berliner Zeitung vorliegen, kritisieren Herero-Organisationen aus Namibia und den USA sowie ein Privatmann aus Namibia speziell die mögliche Umbenennung der Lüderitzstraße.

Nach der Empfehlung der Jury könnte diese wie berichtet nach der angolanischen Königin und Sklavenhändlerin Nzinga oder der ghanaischen Königsmutter Yaa Asantewaa benannt werden, die beide nichts mit dem deutschen Kolonialismus zu tun hatten, sondern gegen die Portugiesen beziehungsweise die Briten kämpften.

Die Herero schlagen vor, die Straße stattdessen nach Anna Mungunda zu benennen – eine namibische Nationalheldin. Sie war 1959 Opfer der damaligen Kolonialmacht Südafrika geworden, als sie sich an einem Aufstand in der namibischen Hauptstadt Windhuk beteiligte, nachdem ihr Sohn erschossen worden war. Mungunda hat allerdings keinen Bezug zu Deutschland, sodass die Vermutung naheliegt, dass die Herero keine prominente Frauenfigur aus der deutschen Kolonialzeit benennen konnten.

Eine Vermutung, die auch der Hamburger Historiker und Afrika-Spezialist Prof. Dr. Jürgen Zimmerer nicht ausschließen will. Zimmerer ist der Auffassung, dass es besser gewesen wäre, tatsächlich Menschen mit unmittelbarem Bezug zum deutschen Kolonialismus als neue Namenspatrone zu finden, um Carl Peters, Adolf Lüderitz und Gustav Nachtigal zu ersetzen.

Den Namen Peters etwa könnte man durch den seiner afrikanischen Geliebten Jagodia ersetzen: Der deutsche Reichskommissar im Kilimandscharo-Gebiet hatte sie und einen Mann 1891 aufhängen lassen, weil sie auch mit diesem eine Beziehung hatte. Das zog einen Aufstand gegen „Hänge-Peters“ nach sich. Wenn man keine Frau finde, die geeignet sei, könnte man zum Beispiel im Fall Namibia mit einem Ortsnamen operieren, der an das Massaker erinnert, so Zimmerer.

Kritik an der Geheimhaltung

Von 1904 an hatte die deutsche „Schutztruppe“ die aufständischen Herero und Nama vor allem dadurch dezimiert, dass sie die in eine Wüste geflüchteten Menschen von Wasserstellen fernhielt und verdursten oder in Konzentrationslagern zu Tausenden verrecken ließ. „Wir schätzen, dass bis zu 70.000 Herero und bis zu 12.000 Nama umkamen“, sagt Zimmerer. Das waren bei den Herero 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung, bei den Nama die Hälfte.

Herero in den USA versuchen gegenwärtig, wegen des Genozids Reparationszahlungen von Deutschland einzuklagen. Zimmerer kritisiert auch, dass die Jury geheim tagte: „Bei so einem sensiblen Thema muss größtmögliche Transparenz herrschen.“ Sollte man rassistische Angriffe gefürchtet haben, hätte Berlin für Sicherheit sorgen müssen. Vor allem hätte die Jury ihre Empfehlung noch von externen Experten prüfen lassen sollen – auch aus den jeweiligen Ländern.

Lüderitz ist in Namibia kein beliebter Name: Er hatte 1883 die Nama beim Kauf von Land betrogen. Mit diesem legte er den Grundstein für die Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Noch heute heißt eine namibische Stadt Lüderitz, in einer Volksabstimmung sprachen sich die Bewohner mehrheitlich gegen eine Umbenennung aus. Laut Zimmerer hatte das jedoch nichts mit Lüderitz selbst zu tun: Die Bürger hätten sich dagegen gewehrt, dass Namibias Präsident die Namensänderung autoritär verfügen wollte.