Drei weg, drei neu: Im Afrikanischen Viertel sollen Petersallee, Lüderitzstraße und der Nachtigalplatz neue Namen bekommen, weil die jetzigen an Kolonialisten und Rassisten erinnern. In acht Sitzungen hatte eine Jury aus 196 Namen, die aus der Bevölkerung vorgeschlagen worden waren, sechs für das Bezirksamt Mitte ausgesucht. Wie die neuen Namen auf die Straßen und den Platz verteilt werden, ist noch unklar. Allerdings ist klar, wer als Namensgeber in Frage kommt.

Nzinga von Matamba (1583-1663) zum Beispiel, eine Königin des Reichs Ndongo im heutigen Angola. Oder Yaa Asantewaa (1863-1923), Königinmutter eines Teilstaats der Aschanti im heutigen Ghana. Und Martin Dibobe (1876-1922?), der von 1896 bis 1921 in Berlin gelebt hatte. Falls das Bezirksamt aus irgendwelchen Gründen gegen einen dieser Namen stimmen sollte, wurden die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai (1940-2011) aus Kenia, Rudolf Manga Bell (1873-1914), König der Duala in der damaligen deutschen Kolonie Kamerun, sowie die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba (1932-2008) als Ersatz benannt.

Herausragende historische Persönlichkeiten

„Die Kriterien waren die Vorgaben der Bezirksverordnetenversammlung – sie waren unsere Bibel“, sagte der Jury-Vorsitzende Bertrand Njoume, Lehrer und Grünen-Politiker. Die BVV hatte den jahrzehntelangen Streit um die Straßennamen beenden wollen, indem sie 2016 den Auftrag zur Gründung einer Jury mit dem Ziel der Umbenennung erteilte. Die neuen Namensgeber sollten herausragende historische Persönlichkeiten und aktiv im Widerstand gegen Kolonialismus und Rassismus gewesen sein. Ihre Tätigkeit muss belegbar und ihr Handeln bei Afrikanern und Afrikanischstämmigen anerkannt sein.

Nzinga hatte den Kampf gegen die Portugiesen organisiert, die Angola unterwerfen wollten. Asantewaa zettelte einen Aufstand gegen die britische Kolonialmacht an. Martin Dibobe dürfte einigen Berlinern etwas sagen: Er war hergekommen, um in der Gewerbeausstellung 1896 mit anderen Afrikanern „Alltagsleben“ seiner Heimat darzustellen – er war also selbst ein Exponat der Ausstellung.

Dibobe heiratete eine Deutsche, ging 1902 zur Hochbahn, wo er „Zugführer 1. Klasse“ wurde. Er engagierte sich politisch, forderte die Gleichberechtigung der Afrikaner und nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Deutschland seine Kolonien verlor, das Bürgerrecht für alle Menschen aus diesen Gebieten. Er starb vermutlich in Liberia.

Drei Kolonialherren sollen weichen

Wangari Maathai kam in die Auswahl, weil sie sich für Frieden und Demokratie in Kenia einsetzte, vor allem aber für den Schutz der Natur und damit für eine bessere Landwirtschaft sowie Bildung und Gesundheit bei Frauen und Kindern. Manga Bell versuchte mit friedlichen Mitteln, die Rechtsbrüche Deutschlands in Kamerun zu beenden. Dafür haben die deutschen Besatzer ihn 1914 wegen „Hochverrats“ hingerichtet. Makeba schließlich setzte sich gegen die Apartheid in Südafrika ein.

Weichen sollen drei Kolonialherren: Carl Peters, Adolf Lüderitz und Gustav Nachtigal. Peters (1856-1918), Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika, wird wegen seiner Brutalität noch heute in Tansania „Hand mit Blut“ genannt. Lüderitz (1834-1886) legte den Kern für „Deutsch-Südwestafrika“, wo er Einwohner des heutigen Namibia beim Landkauf betrog. Nachtigal (1834-1885) war ein Jahr lang Reichskommissar für Deutsch-Westafrika. Er ist vor allem als Afrikaforscher bekannt, der sich nicht als brutaler Eroberer gerierte.

Das Jury-Votum soll den langen Streit um die Straßennamen beenden, allerdings birgt der Vorschlag trotzdem noch Konfliktpotenzial – vor allem wegen der Petersallee und des Namens Nzinga. Die Allee war 1986 umgewidmet worden, erinnert offiziell an Hans Peters (1896-1966), der im Nazireich Juden unterstützte und zum Widerstand gezählt wird. Weißler gestand zu, dass das Rechtsamt Einwände gegen eine Umbenennung habe. Fragwürdig auch die Auswahl von Nzinga von Matamba: In den Unterlagen, die Weißler bei der Vorstellung verteilte, steht, dass sie den Holländern Zehntausende von Sklaven lieferte.

Die Vorschläge gehen jetzt in Ausschüsse und BVV. Vor den Sommerferien soll es eine Infoveranstaltung für die rund 3000 von einer Umbenennung betroffenen Anwohner geben. Am Ende muss das Bezirksamt entscheiden.