Afrikanisches Viertel in Wedding: Neuer Streit wegen Umbenennungen der Straßennamen

Berlin - Die Streitigkeiten um die neuen Namen mehrerer Straßen im Afrikanischen Viertel nehmen kein Ende. Jetzt haben 214 Geschäftsleute und Ärzte aus der Gegend beim Bezirksamt Widerspruch gegen die Umbenennung eingelegt, mit der der Bezirk Mitte sich der Namen dreier deutscher Kolonialisten entledigen will. Die Unterzeichner der Liste halten das Vorgehen für Verschwendung, unbegründet und nicht nachvollziehbar.

Nach jahrelangen Vorbereitungen, die von einer intransparent und politisch einseitig besetzten Jury und einer Anwohnerbefragung begleitet worden waren, hatte es am 19. April 2018 eine Empfehlung der Bezirksverordnetenversammlung gegeben. Die Straßennamen sollen an den Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft erinnern oder Menschen ehren, die unter dieser Herrschaft gelitten haben.

Der Nachtigalplatz soll Manga-Bell-Platz heißen. Die durch diesen Platz geteilte Petersallee soll die Namen Anna-Mungunda-Straße und Maji-Maji-Allee tragen. Die Lüderitzstraße soll in Cornelius-Fredericks-Straße umbenannt werden.

Bis heute alte Straßennamen im Afrikanischen Viertel

Fünf Tage nach der Empfehlung der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) fasste das Bezirksamt den entsprechenden Beschluss. Allerdings hängen bis heute die alten Straßenschilder an den Masten, obwohl die Umbenennungen für die Petersallee am 23. November, für die Lüderitzstraße am 28. Dezember im Amtsblatt veröffentlicht worden waren. Die Umbenennung des Nachtigalplatzes wurde noch nicht offiziell bekannt gemacht.

Magdalena Sokolowska, 35, die in der Lüderitzstraße ein kleines Unternehmen für Versicherungen und Büroservice betreibt, will die neuen Namen nicht hinnehmen. Einer der Gründe sei der davon ausgelöste hohe Arbeitsaufwand. Sie selbst müsste beispielsweise viele Verträge mit ihren Kunden ändern. Mit einem Nachbarn besuchte sie deshalb Geschäftsleute in den betroffenen Straßen und deren Umgebung: „Wir haben sie über den Vorgang informiert und gefragt, ob sie sich dem Widerspruch anschließen. Ich habe mich gewundert, wie erfolgreich wir damit waren.“ 

In dem Widerspruchsschreiben an den Bezirk heißt es: „Geschichte macht man nicht dadurch besser, indem man Straßennamen ändert. Vielmehr sollten ihnen Erläuterungen beigefügt werden, mit denen ihr Ursprung erklärt wird.“ Die Geschäftsleute schlagen vor, die Straßennamen zu behalten, aber anderen Personen oder Ortschaften zu widmen. So soll die Lüderitzstraße nicht mehr nach dem Kaufmann Adolf Lüderitz (1834–1886) heißen, der Einheimische in Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, beim Landkauf betrog, sondern nach der dortigen Stadt Lüderitz, deren Bewohner ihre Stadt nicht umbenennen wollten.

Die Umbenennungen im Afrikanischen Viertel

Der Nachtigalplatz könnte nach dem Schriftsteller Johan Karl-Christoph Nachtigal (1753–1819) benannt werden statt nach dem Afrikaforscher, Kolonialbeamten in Deutsch-Westafrika und Sklavereikritiker Gustav Nachtigal (1834–1885). Die Petersallee, die ursprünglich nach dem gewalttätigen Begründer von Deutsch-Ostafrika Carl Peters (1856–1918) benannt war, heißt bereits seit 1986 nach Hans Peters (1896–1966). Er war im Widerstand gegen die Nazis, Weddinger Lokalpolitiker und Mitautor der Berliner Verfassung. Allerdings waren laut Bezirksamt 1986 nur die kleinen, erklärenden Schilder an den Straßenschildern ersetzt worden, einen Verwaltungsakt der Umwidmung habe es nicht gegeben.

Noch haben Bürger die Möglichkeit, Widerspruch einzulegen: Die Frist für die Petersallee läuft allerdings an diesem Dienstag um Mitternacht ab, für die Lüderitzstraße am 11. Februar, erklärte die Initiative Pro Afrikanisches Viertel. Die zuständige Stadträtin Sabine Weißler (Grüne) teilte auf Anfrage mit, dass neben den 214 Widersprüchen der Geschäftsleute gegen die Umbenennungen bereits acht Einzel-Widersprüche vorlägen. Diese würden nun vom Straßen- und Grünflächenamt bearbeitet. Erst wenn dieser Prozess abgeschlossen sei, könne eine Umbenennung vorgenommen werden. So lange gebe es auch keine neuen Straßenschilder.

Überprüft würde, ob die vorgebrachten Gründe für den Widerspruch das öffentliche Interesse, das dem Verwaltungsakt der Umbenennung zugrunde liegt, überwiegen. Sollte der Widerspruch abgelehnt werden, kann der Bürger dagegen klagen - auch das verhindert bis zu einem Urteil das Anbringen neuer Straßenschilder.

Die Stadträtin erklärte der Berliner Zeitung, dass es nicht wie von den Beschwerdeführern gewünscht möglich sei, die vorhandenen Straßennamen anderen Personen zuzuordnen, die so heißen wie die ursprünglichen Namensgeber. Im "Denkort" Afrikanisches Viertel müsse es einen Zusammenhang mit der Kolonialpolitik geben.

Die neuen Namensgeber sind: Cornelius Fredericks (1864–1907), der mit dem Volk der Nama in Deutsch-Südwest gegen die Kolonialmacht kämpfte. Rudolf Manga Bell (1873–1914) stritt gegen die Vertreibung des Douala-Volks in Kamerun und wurde von den Deutschen unter dem Vorwurf des Hochverrats gehängt. Anna Mungunda (1932–1959) kämpfte für die Unabhängigkeit Namibias von Südafrika und wurde von der Polizei erschossen. Der Maji-Maji-Aufstand (1905–1907) in Deutsch-Ostafrika wurde von deutschen Truppen blutig niedergeschlagen.

(Dieser Artikel wurde am 8. Januar 2019 aktualisiert.)