Jeden Montag berichten an dieser Stelle Menschen aus ihrem Leben und über ihren Alltag in Berlin: Heute: Frank von Riman-Lipinski, 50. Der Spandauer sammelt mit Gleichgesinnten alte BVG-Busse. Er ist Gründungsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin und Vorsitzender des Fördervereins.

Egal, was passiert, wir werden es schaffen. Und wenn uns der Himmel auf den Kopf fällt! Am 30. Oktober wird unser 1794 erstmals seit langer Zeit wieder Fahrgäste befördern. Punkt zwölf Uhr geht es los, vom Bahnhof Zoo zum Grunewaldturm. Erst nur für geladene Gäste und alle, die es möglich gemacht haben, dass der BVG-Doppeldecker Baujahr 1965 wieder fahren kann. Renoviert, in der Originalfarbe RAL 1001 beige lackiert, mit grünen Kunstledersitzen und Glühlampen. So wie früher. Um 14 und 16 Uhr dürfen dann alle anderen, die ebenfalls alte Busse lieben, mitfahren.

Auch in der vergangenen Woche war ich in einer unserer Hallen im Bezirk Spandau, um den 1794 zu bewegen. Hören Sie den Motor? Nicht zu überhören! Ein Büssing U7 Vorkammermotor. Für den gilt: erst vorglühen, dann starten. Er funktioniert tadellos. Auch bei Fahrten auf der Autobahn, wo das Mindesttempo 60 ist, gab es bisher keine Probleme. Der Bus hat ein Automatikgetriebe. Und die Bremse ist weich. Ein Genuss! Das ist noch die Technik aus BVG-Zeiten.

Der 1794 braucht 25 bis 30 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Die dreiachsigen Doppeldecker, die heutzutage für die BVG unterwegs sind, schlucken 80 Liter und mehr. Aber die haben auch eine Klimaanlage und anderes. Bei unserem Bus macht man einfach die Fenster auf.

Unten duschen, oben schlafen

Die alte Technik hat den jahrzehntelangen Stillstand gut überstanden. Seit 1993 gehört der Doppeldecker vom Typ Büssing DE 65 uns, doch bewegt wurde er bis vor kurzem fast nicht. Auch davor stand er lange still, 13 Jahre lang. Bei einer Wohnmobilvermietung in Lichterfelde, die ihn mit Trennwänden zur Wohnung ausbaute. Unten war eine Duschkabine, oben ein Schlafzimmer. Und jetzt fährt der Bus wieder! Unsere Arbeitsgemeinschaft hat schon einige BVG-Busse wieder auf Vordermann gebracht. Doch der 1794 ist das größte Sanierungsprojekt, das unser Förderverein je unterstützt hat – mit rund 30.000 Euro.

Die Arbeit ist allerdings noch nicht zu Ende. Am Montag kam eine Firma bei uns in Spandau vorbei, um den dritten Zierstreifen aufzukleben, wie er bis Anfang der 1970er- Jahre bei diesem Bustyp üblich war. Wir kümmern uns um jedes Detail! In dieser Woche geht es weiter. An diesem Dienstag habe ich einen Termin mit einer Firma aus Güstrow, es geht um weitere Kostenvoranschläge, unter anderem für die Fußbodenverschweißung. Und von Mittwoch an wird der Bus komplett verglast. Scheibengummis und Fensterscheiben liegen bei uns schon parat. Eine Firma aus Halle an der Saale übernimmt die Arbeit.

Ich muss mich auch noch um viele andere Dinge kümmern. So ist der Fahrzeugbrief nicht mehr da, er ging verloren. Und weil der Bus vor mehr als 35 Jahren zum letzten Mal im Einsatz war, verlangt der TÜV jetzt ein Vollgutachten. Eine Menge Arbeit für mich und die anderen Mitglieder. Doch wir sind stolz darauf, dass wir wieder ein Stück Berliner Geschichte erhalten können. Warum das Nahverkehrs-Virus auf mich übergesprungen ist? Keine Ahnung. Aber wann das passierte, kann ich sagen. Damals war ich noch ein Kind. Ich bin in Charlottenburg-Nord aufgewachsen. Auf dem Weg zum Einkaufen ging ich mit meiner Mutter unter der Siemensbahn hindurch. Immer wenn dort eine S-Bahn fuhr, war ich begeistert! 1976, da war ich noch Grundschüler, ging es gleich nach dem Unterricht zur U-Bahn-Linie U 8, wo alte C-Züge unterwegs waren. Die haben geröhrt wie die Stadtbahnzüge der S-Bahn! Ich konnte das nicht oft genug hören.

Bei den Bussen habe ich die alten DF-Wagen erlebt, in denen Schaffner das Fahrgeld kassierten. Bis 1978. Die Querbank vorn war mein Platz, dort bin ich viele Runden gefahren. Ich kannte viele Busfahrer.

In Rüdesheim fing alles an

Als Kind stellte ich mir vor, dass ich als Erwachsener einmal einen Doppeldecker als Gartenlaube haben werde. Ende der 1980er-Jahre begann ich mit Freunden, diesen Wunsch zu verwirklichen. Der erste Bus war der 1534, den wir in Rüdesheim am Rhein aufgespürt hatten. So ging es weiter. 1989 wurde die ATB gegründet. Wie viele Busse wir heute haben? Da müsste ich nachrechnen, es sind sicher mehr als 50.

1988 wurde ich Busfahrer bei der BVG. Nach der Wende fuhr ich Busse in Potsdam und danach S-Bahnen, so lange noch die alten Stadtbahner unterwegs waren. Doch als die ausgemustert wurden, ging ich wieder zur BVG zurück, auf die neueren Plastikzüge hatte ich keine Lust. Seit 2001 bin ich bei der Betriebsaufsicht der BVG. Ich wohne in Spandau, ich habe es nicht weit zu unserer Halle.

Auch in den nächsten Wochen werde ich oft hier sein. Den Termin 30. Oktober 2015 müssen wir unbedingt schaffen! Denn dann ist es genau 50 Jahre her, dass ein Bus dieses Typs zum ersten Mal Fahrgäste befördert – ebenfalls zwischen Bahnhof Zoo und Grunewaldturm. Dieser Bustyp war 1965 völlig neu: Kein Schaffner, sondern der Busfahrer kassierte das Fahrgeld und verkaufte die Fahrscheine. Weil die BVG skeptisch war, ob das Fahrpersonal dieser Belastung gewachsen war, setzte sie die Busse erst mal nur auf solchen Ausflugslinien ein. Erst im Dezember 1965 wurden sie auf einer Linie zum Normaltarif eingesetzt: auf der A 20 zwischen Lübars und Tegelort, heute die 222. Auch dort wird es eine Traditionsfahrt von uns geben: am 5. Dezember, dann sogar mit sechs historischen Bussen.

Heute ist es ganz normal, dass sich Busfahrer auch um den Fahrscheinverkauf kümmern. So ändern sich die Zeiten.