Berlin - Kraftfahrer sollten eine wichtige Verbindung in der Innenstadt an diesem Wochenende weiträumig umfahren. Ein Teil der Friedrichstraße in Berlin-Mitte wird am Sonnabend und Sonntag autofreier Bereich. Wo sich sonst Autos stauen und Abgase wabern, entsteht Platz zum Flanieren. „Uns geht es um den Aha-Effekt“, sagt Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister von Mitte. „Wir wollen zeigen, wie diese Straße ohne Autos sein könnte.“ Fortsetzung folgt: Auch andere Straßen würden sich für solche Sperrungen eignen, so der Grünen-Politiker und andere Vertreter einer Verkehrswende.

Es ist eine Art von Beglückung, die bei Gewerbetreibenden entlang der Friedrichstraße auf Kritik stößt. „Sie sehen die Sperrung skeptisch bis sehr kritisch“, sagt Rainer Beckmann, Geschäftsführer der Werbegemeinschaft für das Quartier 205 Stadtmitte. Dem Bezirksbürgermeister und seinen Mitstreitern gehe es nicht darum, die Friedrichstraße aufzuwerten oder zu retten. Ihr Ziel sei es, beispielhaft ihr Verkehrskonzept durchzudrücken – ein Konzept, das vorsieht, Kraftfahrzeuge aus der Berliner Innenstadt zu vertreiben.

60.000 Euro aus der City Tax

„Es ist albern, Autos aus der Stadt zu drängen“, entgegnet Beckmann. Ähnlich „albern“ sei die jetzige Verkehrspolitik, die vorrangig auf das Fahrrad setzt. „Menschen wollen beweglich sein“, gibt er zu bedenken. Das bedeutet für viele: Auto fahren. An diesem Wochenende werde die Friedrichstraße „künstlich“ geschlossen, „ohne jedes Konzept. Das ist unprofessionell“, bilanziert er.

Beckmann ist Mitglied der Interessengemeinschaft „Die Mitte“, der Ladenbesitzer, Immobilienbetreiber und andere Anlieger der Friedrichstraße angehören. Mit der Aktion sei man zu kurz gesprungen, lautet dort die Einschätzung. „Wir haben um Unterstützung gebeten, die Friedrichstraße aufzuwerten“, rief der Vorstandsvorsitzende Guido Herrmann, Verwaltungsdirektor des Friedrichstadt-Palastes, in Erinnerung. „Das ist mit einem punktuellen Event-Aktionismus nicht zu erreichen.“

Kaum jemand leugnet, dass die traditionsreiche Straße, die den Namen des Brandenburger Kurfürsten Friedrich III. trägt, Herausforderungen gegenübersteht. Mit Besucherzahlen anderer Einkaufsmeilen kann sie nicht konkurrieren, Passanten fallen leerstehende Läden ins Auge. Ein Teil der Probleme hat nach Einschätzung von Beobachtern damit zu tun, dass die Straße für Fußgänger so unwirtlich ist. Der Autoverkehr ist stark, die Gehwege sind schmal, was Baumpflanzungen erschwert; am Abend gibt es kaum Gastronomie.

Mit ihrer Flaniermeile zwischen der Französischen und der Mohrenstraße wollen der Bezirk, der Senat und die Tourismuswerber von Visit Berlin am Wochenende zeigen, was stattdessen möglich wäre. „Es soll kein Straßenfest sein“, so von Dassel. „Aber wir wollen einiges ausprobieren.“ Motto: „Friedrich, the Flâneur“.

Eine Pankower Agentur organisiert die Aktion, rund 60.000 Euro aus der City Tax stehen bereit. Junge Modelabels zeigen ihre Kreationen, in Tiny Houses können Besucher neue Wohnkonzepte erleben, der Senat informiert über Mobilität, die ohne private Kraftfahrzeuge auskommt.

Von den Anwohnern wünsche man sich, dass sie solche Aktionen unterstützen, sagt von Dassel. Zwar öffnen die Geschäfte an beiden Tagen, doch sonst steuern die Anlieger am Wochenende wenig bei. Sie seien auf einem anderen Feld aktiv, entgegnet Beckmann. „Wir arbeiten an einem Konzept, die Friedrichstraße neu zu definieren.“

Benötigt werde ein Plan, der auch die Nachbarschaft im Blick hat – mit Themen wie Wege- und Parkleitkonzepten. „Wir wollen alle einbeziehen“, von Auto- bis Radfahrern.

„Eine Schließung um der Schließung willen lehnen wir ab“, so Beckmann. Doch nach Informationen der Berliner Zeitung werden durchaus Verkehrsbeschränkungen diskutiert. Mehr Grün, Verkehrsberuhigung, Tempo 30, Einbahnregelung, Sperrung für den Lkw-Durchgangsverkehr – das sind einige Ideen, die dem Vernehmen nach in Anliegerkreisen besprochen werden.

2020 auch auf dem Kurfürstendamm

Am verkaufsoffenen zweiten Adventswochenende gebe es eine weitere Teilsperrung, so von Dassel. 2020, im späten Frühjahr, ist die Straße sogar mehrere Wochen dicht - von drei oder vier Wochen ist die Rede. Der Senat lässt die Auswirkungen auf den Verkehr wissenschaftlich untersuchen.

Der Hackesche Markt würde sich ebenfalls für eine Sperrung eignen, sagt der Bürgermeister. Er müsse langfristig autofrei werden. Momentan gehe das wegen der Baustellen nicht, so von Dassel. Doch wenn sie wieder abgebaut sind, werde dieses Thema ernsthaft ins Auge gefasst. "Derzeit herrscht dort das pure Chaos", es gebe viel zu wenig Platz für Fußgänger.

Die rot-rot-grüne Koalition habe 2016 vereinbart, Unter den Linden fußgängerfreundlich umzugestalten, mahnt unterdessen das Bündnis „Stadt für Menschen“. Eine zweistündige Sperrung der Schlossbrücke soll Ende November oder Anfang Dezember darauf aufmerksam machen.

2020 werde dann auf weiteren Straßen gezeigt, wie angenehm es dort ohne Autos sei, kündigt Sprecher Matthias Dittmer an. „Dann wollen wir uns auch um die City West kümmern.“ Autofreier Kurfürstendamm – ja bitte.