Berlin - Woher kommen die Berliner? Selbst die allermeisten der hier Geborenen müssen sagen: aus der Provinz, zumindest wenn sie  zwei oder gar drei Generationen zurückblicken. Jeder zweite Berliner sei Schlesier, hieß es um 1900.

Wie „fremdartig und unheimisch“ Berlin den Zugezogenen in den 1840er-Jahren vorkam, beschreibt der Schriftsteller Gustav Freytag so: „Wir Schlesier sprachen behaglich und breit mit dem Vordermunde, die Berliner benutzten beim Sprechen energisch alles, was im Munde vorhanden ist, und außerdem, wenn sie hochmütig wurden, noch die Nase.“

Während die Schlesier behäbig im Umgange gewesen seien und  mit gutherziger Höflichkeit alles ertrugen, erlebte er  die Berliner „lauersam und spottlustig“, sie  gäben scharfe Antwort und freuten sich des Angriffs.  Wenn es zum Zusammenstoß zwischen Berlinern und Schlesiern kam, habe es sogleich Hiebe gegeben und „jeden Abend hörten wir aus unseren Stuben – wir wohnten auf dem Hackeschen Markt – den scharfen Lärm der Prügelei“. Offenbar  übernahmen die Schlesier rasch die beschriebenen Berliner Eigenarten.

Viele, die sich  Urberliner nennen, haben mit einiger Sicherheit einen schlesischen (oder böhmischen, mährischen, ost- bzw. westpreußischen) Migrationshintergrund. Laut Berufszählung von 1907 stammten  18 Prozent aller Industriearbeiter in Berlin aus Schlesien. Mehr als eine Million Menschen wanderten zwischen 1840 und 1939 aus Schlesien in die Gegenden, wo Geld zu verdienen war –  1913 lag in Berlin  das Durchschnittseinkommen  im Vergleich zum gesamten Reich bei 160 Prozent, während es in Schlesien nur 82 Prozent erreichte.

Bestände aus den Ostgebieten

Und dann  kamen nach 1945 Millionen aus dem ehemaligen deutschen Osten  – von  17,8 Millionen DDR-Bürgern waren 4,3 Millionen Umsiedler. Viele von ihnen (oder ihre Kinder) gelangten früher oder später nach Berlin. Das heißt: Gehen Berliner auf Ahnensuche, werden sie überdurchschnittlich oft östlich von Oder und Neiße fündig.

Für alle, die das elektrisiert, gibt es  Neuigkeiten: Etwa zwei Millionen Dokumente aus dem Berliner Standesamt I werden digitalisiert und  über die Internetseite Ancestry.de öffentlich zugängig.  900.000 davon sind bereits in die Datenbanken eingespeist, bis 2017 soll die  elektronische Erfassung vollzogen sein. In Urkunden vor allem aus Schlesien, Ost- und Westpreußen kann man online nach Namen suchen.

Das Besondere am Standesamt I in der Rückerstraße 9: Es betreut als Auslandsstandesamt der Bundesrepublik nicht nur alle Geburts- und Sterbefälle sowie Eheschließungen Deutscher im Ausland (auch in Botschaften oder auf Seeschiffen); es bewahrt auch die standesamtlichen Akten aus den deutschen Kolonialgebieten,  führt das Wehrmachtfamilienbuch über im Ausland geschlossene Ehen  Wehrmachtsangehöriger – es beherbergt auch die entsprechenden Urkunden aus dem ehemals deutschen Osten.