Künstler Ai Weiwei in seinem Berliner Atelier.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinSelten vermag ein Interview mit einem Künstler solch eine Wucht zu entfalten wie das Gespräch mit Ai Weiwei in der Berliner Zeitung. Mit Fabulierlust und einigem Kraftaufwand wettert er darin gegen seinen vorübergehenden Aufenthaltsort Berlin im Allgemeinen und Missstände an der Universität der Künste, wo Ai Weiwei Gastprofessor war, im Besonderen. Außerdem wiederholt er seine Unterstellung, dass die Deutschen noch immer von Verhaltensweisen der Nazis geprägt seien. 

Es ist keine filigrane Argumentation, mit der er sich hier Gehör verschafft. Mit Witz und nicht ohne überraschend zu sein, steigert er sich vielmehr zu einem emotionalen Ausbruch. Ai Weiwei bewegt sich zweifellos in einer künstlerischen Tradition. Wut und Affekt waren nicht zuletzt auch Ausdrucksmittel für so bedeutende Schriftsteller wie Thomas Bernhard, Peter Handke oder auch Rolf Dieter Brinkmann.

Geschichte des Nationalsozialismus bedarf der Differenzierung

Natürlich nimmt man bereits eine unzulässig paternalistische Haltung ein, wenn man dem Gesagten mit therapeutischem Wohlwollen beizukommen versucht. Und es gibt gute Gründe dafür, seine Äußerungen nicht einfach als Furor eines zornigen alten Künstlers abzutun. Zweifellos hat Ai Weiwei nicht Recht, wenn er den Deutschen zuruft: „Ich weiß, wer eure Großeltern sind.“

Das weiß er nicht, und die Geschichte des Nationalsozialismus bedarf immer noch der Differenzierung und eines genauen Blick für Details. Wenn seine Botschaft jedoch darin besteht, eine allzu große Selbstgefälligkeit in Fragen der nationalen Identität zu erschüttern, dann ist in diesem Zorngewitter die offene Einladung enthalten, sich das ein oder andere noch mal in aller Ruhe durch den Kopf gehen zu lassen.