Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, sagt Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber. „Sehr ambitioniert.“ Jumbo-Jets der größten deutschen Airline werden im November 63 Mal zwischen Berlin und Frankfurt am Main hin- und herfliegen. Auf dem Flughafen Tegel, der für solche großen Langstreckenflugzeuge nicht ausgelegt ist, stellt dies die Mitarbeiter vor einige Herausforderungen.

„Aber wir haben volles Vertrauen, dass wir es schaffen“, sagt Weber. Die Lufthansa hat keine Alternative. Zu groß ist die Zahl der Fluggäste, die nach dem Aus für Air Berlin mit ihr fliegen wollen. Die Fluggesellschaft schließt nicht aus, dass auch nach dem 30. November Jumbo-Jets nach Berlin fliegen werden.

Am Mittwoch war es soweit: Am späten Nachmittag begann der Einsatz von Boeing 747-400 auf der Strecke nach Berlin, auf der die Lufthansa zuletzt den Airbus A 320 eingesetzt hatte. Die Daten des ersten Fluges: LH 168 startete um 17.38 Uhr in Frankfurt und landete um 18.26 Uhr in Tegel. Eingesetzt wurde ein Jumbo vom Typ 747-430 mit dem Kennzeichen D-ABVT, den Boeing im April 1997 geliefert hatte. „Victor Tango“ war einige Stunden zuvor aus dem japanischen Osaka in Frankfurt eingetroffen, hieß es.

304 Plätze in der Economy

Das wird das betriebliche Muster für die kommenden vier Wochen sein, sagte Weber. „Die Großraumflugzeuge kommen von internationalen Fernflügen, sie werden jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten eingesetzt.“ Zum Beispiel geht es in der Frühe von Tegel nach Frankfurt und später weiter nach Dubai oder zu anderen Langstreckenzielen.

Der Jumbo hat 67 Sitzplätze in der Business Class und 304 Plätze in der Economy und Premium Economy. Zwischen Berlin und Frankfurt am Main werden allerdings nicht alle besetzt. „Insgesamt bieten wir bei diesen Einsätzen rund 350 Plätze an“, sagte Lufthansa-Sprecher Weber. „Das Oberdeck der Jets bleibt geschlossen.“

Der Grund: Das Ein- und Aussteigen über die Treppe im Flugzeug kostet zu viel Zeit, rund zehn Minuten im Schnitt. „So viel Zeit haben wir leider nicht“, so Weber. Denn im Schnitt sind die Jets in Tegel nur rund 50 Minuten am Boden, bevor es zurück nach Frankfurt geht.

Nur 50 Minuten Standzeit in Tegel

50 Minuten Standzeit in Berlin: Das bedeutet auch, dass in Tegel nicht genug Zeit zum Tanken ist. In Frankfurt wird dafür gesorgt, dass auch für den Rückflug genug Kerosin im Tank ist. Auch Speisen und Getränke werden ausschließlich in Frankfurt geladen.

50 Minuten: Diese Vorgabe ist umso anspruchsvoller, als dass der Flughafen Tegel für Jumbos nicht geplant worden ist. Das gilt auch für die Fluggastbrücken. Weil sie in diesem Fall nicht einsetzbar sind, parken die Flugzeuge auf dem Vorfeld, müssen vier Busse bereitgestellt werden, damit die Passagiere zum Flugzeug und ins Terminal gelangen. Den Ramp Agent, der in Tegel alle Arbeiten und Vorgänge während der Standzeit koordiniert, muss die Lufthansa jedes Mal aus Frankfurt mitbringen. In Berlin gibt es nicht genug Mitarbeiter dieser Art, die für diesen Flugzeugtyp geschult worden sind.

Damit nicht genug: Die großen Maschinen brauchen auch eine große Besatzung – jeweils 14 Flugbegleiter. Unterm Strich führt das zu höheren Personalkosten. Aber auch die anderen Aufwendungen wiegen schwerer als sonst. Jumbo-Jets brauchen mehr Treibstoff, bei Start und Landung schlucken sie große Mengen Kerosin.

„Wir fliegen bereits im Stundentakt“

Laut Atmosfair werden pro Fluggast auf der Strecke Berlin–Frankfurt 144 Kilo Kohlendioxid ausgestoßen. Flughafenentgelte sind höher, soweit sie nach dem Flugzeuggewicht berechnet werden. Während sich viele Fluggäste freuen können, dass sie in den großen Boeings mehr Komfort geboten bekommen als bisher nach Berlin (vor allem in der Business Class), muss die Lufthansa hohe Kosten schultern.

„Die Nachfrage ist groß, deshalb setzen wir die Jumbos ein. Wir können unsere Passagiere doch nicht an den Flughäfen stehen lassen“, erklärte Wolfgang Weber. „Mit den bisherigen Kapazitäten wäre der Verkehr nicht zu bewältigen.“ Mehr Flüge zwischen Frankfurt und Tegel seien unmöglich: „Wir fliegen bereits im Stundentakt.“ Es bleibe nichts anderes übrig, als größere Flugzeuge einzusetzen – nicht nur Jumbos. „Statt mit dem A 320, der 168 Plätze hat, fliegen wir nun mit dem A 321“, teilte die Lufthansa mit. Die im konkreten Fall eingesetzten Flugzeuge haben Platz für 200 Passagiere. Sie fliegen nun auch Berlin–München.

Es ist nicht das erste Mal, dass Lufthansa-Jumbos nach Berlin fliegen. Auch 2010 war das bis zur Entwicklung des A 380 größte Verkehrsflugzeug der Welt zwischen Berlin und Frankfurt unterwegs – bis zu zweimal täglich. 2014 flog ein Jumbo mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft an Bord als „Siegerflieger“ von Brasilien nach Tegel. Und wenn die Berliner Philharmoniker auf internationale Konzertreise gehen, wird stets ein Lufthansa-Jumbo gechartert.

Wird der Einsatz verlängert?

Der letzte Flug einer Boeing 747-400 zwischen Berlin und Frankfurt ist zunächst für den 30. November geplant. LH 197 soll um 16.45 Uhr in Tegel abheben, so die Lufthansa. Doch es ist denkbar, dass die Großraumflugzeuge darüber hinaus im Einsatz bleiben, hieß es. „Das muss man sehen“, sagte Weber. „Das hängt von der Nachfrage ab“ – und davon, welche Flugzeuge zur Verfügung stehen. Tegel-Anwohner, die sich bereits über den Einsatz der relativ lauten Boeing-Riesen beschwert haben, werden dieses Thema weiterhin genau beobachten.