Akademie des Jüdischen Museums: Wer wohnte in der Elsasser Straße?

Schon der Geruch lässt einen wissen, dass hier alles neu ist. Frische Farbe, frisch gebeiztes Holz. Und auf den Lampenschirmen im Garten der Diaspora kleben noch die Plastikverpackungen. Überhaupt ist das der Raum in der einstigen Blumengroßmarkthalle gegenüber dem Jüdischen Museum an der Lindenstraße, der am unfertigsten ist. Die Pflanzen dort sollen an die Länder erinnern, in denen Juden eine neue Heimat fanden. Doch erst eines der Beete ist bepflanzt. Ein Erdhügel auf einem schwebenden Stahlplateau. Die Schilder mit den Pflanzennamen fehlen noch. Im Laufe des Jahres sollen die anderen Beete dazukommen. Trotzdem ist die Akademie des Jüdischen Museums seit Montag offen für Besucher. Künftig wird hier die Bildungsarbeit des Hauses organisiert, mit Führungen, Schülerprojekten, Seminaren, Lehrerfortbildungen. Am Dienstag beginnt der erste Schülerworkshop.

Mittagessen in eigener Küche

Dessen Teilnehmer werden sich einen Tag lang mit dem japanischem Erzähltheater Kamishibai beschäftigen. Mit der Akademie wolle sich das Jüdische Museum dem Thema Vielfalt im Allgemeinen, nicht nur hinsichtlich der deutsch-jüdischen Geschichte widmen, sagt Diana Dressel. Sie leitet die Bildungsabteilung des Jüdischen Museums. Teilnehmer anderer Workshops in den Sommerferien werden sich mit Theater und Geräuschen beschäftigen. Mittagessen gibt es in der Küche der Akademie.

Es sind nicht viele, die ihren Weg hierher finden, an diesem Montag. Der erste Besucher ist aus Mitte. Er sagt, er sei wegen der Gestaltung des Gebäudes gekommen. Ross-Bau heißt das Haus, nach Eric F. Ross, einem US-amerikanischen Unternehmer, der aus Dortmund stammte, und den Bau der Akademie großzügig unterstützt hat. Der Architekt Daniel Libeskind hat drei mit Holzstreifen verkleidete Kuben in die frühere Markthalle gestellt. Doch der Besucher interessiert sich nicht für die schrägen Durchblicke, die diese Architektur ermöglicht. Man kennt sie aus dem ebenfalls von Libeskind gestalteten Jüdischen Museum gegenüber. Der Besucher bemängelt allein das fehlende Tageslicht im Lesesaal.

Es ist wahr, in diesem Raum gibt es keine Fenster. Doch es stehen rund 20.000 Bände hier, und die Regale bieten Platz für mehr. Bisher waren sie im 3. Stock des Museums untergebracht. Der Bibliothekar Ernst Wittmann, einer von vieren, sagt, dass es vor allem Wissenschaftler und Studenten seien, die die Bücher nutzen. Aber es gebe auch eine große Gruppe von Menschen, die die Bibliothek zur Familienrecherche nutzten, die etwas über ihre Eltern oder Großeltern herausfinden wollten. „Recherche sentimentale“, nennt es Wittmann. Manchmal hätten die Angehörigen nichts weiter als einen Namen.

Wittmann weist sie dann darauf hin, dass die Berliner Adressbücher aus dieser Zeit im Internet zu finden sind. Manchmal liest er für ausländische Gäste die Frakturschrift. „Mit Hilfe der Adressbücher kann man herausfinden, wie lange jemand wo gewohnt hat und oft auch den Beruf“, sagt er. Sogar ein Jüdisches Adressbuch für Groß-Berlin gab es. Ein Nachdruck der Ausgabe von 1931 steht in einem der Regale, das Original befindet sich im Archiv. Und wenn jemandes Suche ohne Erfolg bleibt, empfiehlt Wittmann wenigstens einen Film oder ein Buch, mit dessen Hilfe man sich in die Zeit hineinversetzen kann.

Das Adressbuch von 1938

Jutta Kern aus Basel und Barbara Frodermann aus Bielefeld horchen auf, als von Adressbüchern die Rede ist. Sie sagen, dass sie oft in Berlin sind, auch der Museen wegen. Sogar eine Wohnung haben sie hier, an der Torstraße in Mitte. Nun möchten sie herausfinden, ob in ihrem Haus einmal Juden gelebt haben. Sie setzen sich an einen der Bildschirme und klicken sich durch das Adressbuch von 1938 bis 1945. Sie wissen, dass der Teil der Torstraße, in dem ihr Haus steht, damals Elsasser Straße hieß. Doch die Torstraße bestand noch aus der Lothringerstraße. Die Elsasser Straße endete bei Nummer 99, sie wohnen in der 199.

Öffnungszeiten der Bibliothek: Mo und Mi 12 bis 19 Uhr, Di, Do, Fr 10 bis 17 Uhr