Aktion "Deliverance" in Prenzlauer Berg: Nackt für die Kunst

Der Morgen fängt ja gut an. Als wäre es abgesprochen, bringen Passanten das Frühstück vorbei: Einer bringt dreimal Kaffee in Pappbechern, der nächste drei Bananen, und wenig später legt jemand eine Tüte mit frischen Brötchen auf den Boden. „Ich glaube, dass wir überleben werden“, sagt William Mc Bride.

Vor ein paar Tagen sah das noch ganz anders aus. Am Sonntag begannen die australischen Künstler Penny Harpham, Kat Henry und William Mc Bride neben der Kunsthalle Platoon an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg mit ihrer Überlebens-Performance. Sie waren nackt, sie hatten nichts zu essen und nichts zu trinken, es gab keine Unterkunft zum Schlafen, nur ein abgestecktes Areal, fünfmal sechs Meter groß, das sie nur verlassen, wenn sie zur Toilette gehen.

Der Schotterboden, auf dem sie campieren, liegt neben der Straße. Ein unbequemes Stück Großstadt.

Was ist der Mensch?

Zehn Tage, so der Plan, wollen sich die Künstler ihren Mitmenschen ausliefern, ihr Leben in andere Hände geben. „Deliverance“ nennen sie ihre Aktion, die Rettung. Sie werden nichts tun, nichts fordern, nichts kaufen, um nichts bitten. Alles was mit ihnen passiert, sie werden es nicht beeinflussen.

Die Künstler machen sich zu Märtyrern. Wenn sie leiden, hungern und frieren sollten, nun gut, dann haben es die Menschen so gewollt. Das ist doch die alte Frage: Was ist der Mensch? Ein gutes oder schlechtes Wesen?

Am Dienstag fällt die Antwort leicht. Die Aktionskünstler tragen bequeme Kleidung. Ein kleines Zelt ist aufgebaut, es gibt Schlafsäcke, Lebensmittel und gefüllte Wasserflaschen. Das sind Spenden von Nachbarn und Passanten. Die drei sind gut gelaunt und ausgeschlafen.

Teil dieser Stadt

Einen Monat lang sind die drei Australier in Berlin, sie nehmen an einem Programm teil, das das Zentrum für Kunst und Urbanistik in Moabit Künstlern anbietet. Die Performance an der Schönhauser Allee ist ihr Beitrag. Und die abenteuerliche Aktion im öffentlichen Raum führt schon nach drei Tagen zu einer veränderten Wahrnehmung. „Wir sind keine Touristen mehr“, sagt Mc Bride. „Wir sind jetzt ein Teil dieser Stadt.“ Montagnacht pöbelten ein paar Angetrunkene an der Kunsthalle. Bedrohliches passierte nicht.

Die Performance erinnert an eine ähnliche Aktion aus dem Jahr 1974 in Neapel. Die Performance-Künstlerin Marina Abramovic wollte sich damals in einem Galerieraum sechs Stunden lang ihrem Publikum ausliefern. Sie legte Gegenstände aller Art um sich. Werkzeug, Kleidung, Blumen, Messer, Axt und eine geladene Pistole.

Nach drei Stunden wurde die Performance abgebrochen, Besucher riefen die Polizei. Die Künstlerin hatte zerrissene Kleidung, sie blutete, jemand hatte ihr die geladene Waffe an den Kopf gehalten. Marina Abramovic hatte ihrem Publikum vor Beginn der Aktion die Absolution erteilt. Die Menschen mussten ihr Handeln nicht mehr verantworten.