Berlin - Corona hat den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) enorme Ausfälle beschert. Weil die Zahl der Fahrgäste während der Pandemie stark gesunken ist, könnten allein die Einnahmen aus dem Verkauf von Einzelfahrscheinen und Tageskarten um rund 104 Millionen Euro unter dem Plan liegen. Bei Monatskarten und Sozialtickets wird die Abweichung auf immerhin mehr als 56 Millionen Euro beziffert. Das geht aus internen Rechnungen des Landesunternehmens hervor. Allerdings könnte es sein, dass die Einbußen am Ende noch höher sein werden. Denn die Kalkulation stammt von Mitte November – und damals war noch nicht absehbar, dass Mitte Dezember ein zweiter harter Lockdown das öffentliche Leben erneut lahmlegen wird.

Wer in Berlin unterwegs ist, der merkt sofort: Bahnen und Busse sind leerer als früher. Auch wenn es weiterhin keine gesicherten Belege dafür gibt, dass der Nahverkehr ein Corona-Hotspot ist, bleiben ihm viele Menschen fern. Der positive Trend, der im Sommer zu erkennen war, hat sich wieder umgekehrt. „Die Prognose musste daher korrigiert werden“, hieß es bei der BVG.

Wurde das größte kommunale Verkehrsunternehmen Deutschlands im vergangenen Jahr für rekordverdächtige 1,125 Milliarden Fahrten genutzt, wird sich die Fahrgastzahl im Corona-Jahr 2020 weit darunter einpendeln. Ende November rechnete man BVG-intern mit 727 Millionen Fahrgästen, das sind knapp zwei Drittel des Vorjahresaufkommens. Auch hier könnte es für die Schlussrechnung noch Änderungen geben.

Weniger Fahrgäste bedeutet auch: weniger Fahrgelderträge. Beobachter wundern sich nicht darüber, dass die Einnahmen aus Einzelfahrscheinen und Tageskarten in diesem Jahr um mehr als 100 Millionen Euro unter Plan liegen könnten. Als im März der erste Lockdown begann, beendete die BVG den Fahrscheinverkauf in ihren rund 1500 Bussen. Um das Fahrpersonal vor Ansteckung zu schützen, wurde jeweils die vordere Bustür für die Kundschaft geschlossen. Die Fahrerbereiche wurden mit „Duschvorhängen“ abgesperrt – so nennt die neue BVG-Chefin Eva Kreienkamp die Folien.

Zwar hat das Unternehmen inzwischen damit begonnen, die Folien zu entfernen und neben den Fahrersitzen Glasscheiben einzubauen. „Ende des Jahres wird mehr als die Hälfte der Flotte über neue große Fahrer-Arbeitsplatzscheiben verfügen“, erläuterte Kreienkamp. Doch der Ticketverkauf im Bus, einst eine wichtige Einnahmequelle, wird in diesem Jahr kaum zur Bilanz beitragen. Dafür ist der digitale Verkaufsumsatz übers Internet immerhin um mehr als ein Fünftel gestiegen, so die BVG.

Es gibt einen weiteren Lichtblick: Bei den Abonnements verzeichnet das Landesunternehmen sogar einen Zuwachs – trotz des Trends zum Homeoffice. Mitte November wurde erwartet, dass hier die Einnahmen in diesem Jahr um rund 23 Millionen Euro über dem Plan liegen könnten. Die neuen Firmentickets, die für Berufstätige deutlich preiswerter als ihre Vorgänger sind, kämen gut an, hieß es. Übrigens fand auch bei der S-Bahn Berlin der erwartete Stammkunden-Exodus nicht statt. Zwar ist dort die Zahl der Abokunden von Januar bis November gesunken, aber nur leicht – um knapp sieben Prozent auf rund 220.000.

Die Abo-Kunden seien der BVG auch in Corona-Zeiten treu geblieben, verkündete BVG-Sprecher Schwentu. „Ende dieses Jahres werden wir voraussichtlich erneut mehr Abonnenten haben als noch vor zwölf Monaten“, teilte er mit. „Wir gehen von einem Abo-Wachstum im niedrigen fünfstelligen Bereich aus.“ Ende 2019 verzeichnete die BVG rund 842.000 Stammkunden.

Die Rechnung der BVG umfasst noch weitere Faktoren. Welche Zahlen werden am Schluss stehen? Wie berichtet, kalkuliert die BVG für dieses Jahr bislang damit, dass sie insgesamt 190 Millionen Euro weniger Fahrgeld einnimmt als im vergangenen Jahr. Weil auch andere Erträge spärlicher fließen, könnte sich dieses Minus auf rund 210 Millionen Euro vergrößern. Allerdings spart das Unternehmen auch Geld – zum Beispiel, weil es weniger Energie verbraucht. Und so wird der Einnahmeausfall unterm Strich bislang auf rund 160 Millionen Euro beziffert.

Die Erwartungen liegen auf dem Bund und dem Land Berlin. Wenn sie wie erhofft ihren Verpflichtungen nachkommen und mit Steuergeld aus dem bundesweiten Rettungsschirm sowie anderen Quellen das Finanzloch stopfen, könnte die BVG 2020 am Ende ohne Verlust davonkommen. Aber da ist noch 2021. „Dieses Jahr hat uns schon einige Herausforderungen beschert“, sagt die BVG-Chefin Kreienkamp. „Doch 2021 dürfte vielleicht sogar noch schwieriger werden. Klar ist, dass die Probleme nicht aufhören.“