POTSDAM - Es ist ein wenig eng am Eingang, hier, wo die Gläubigen die Schuhe ausziehen und in schmale Regale stellen. Aus einem der hinteren Räume ist der Ruf des Muezzin zu hören. Gedämpft allerdings – so, dass nichts nach draußen dringt. Es sind noch 20 Minuten bis zum Beginn des Freitagsgebets. Eine Handvoll Männer hat bereits auf dem weichen Teppich vor der Kanzel Platz genommen.

Die Al Farouk Moschee ist gerade einmal so groß wie eine Vier-Zimmer-Wohnung. Sie befindet sich im Erdgeschoss eines Plattenbaus in der Nähe des Landtags: unauffällig, der Eingang ist auf der Rückseite. Dass sich hier jeden Freitag um 13 Uhr etwa 100 Muslime zum Gebet treffen, ist von draußen nicht zu erahnen. Die Moschee, betrieben vom Verein der Muslime in Potsdam, ist die einzige in Brandenburg.

„Es leben einige Tausend Muslime im Land“, sagt Doris Lemmermeier, Integrationsbeauftragte der Landesregierung. Genaue Zahlen gebe es nicht. Die Zahl steige weiter leicht an – vor allem durch den Zuzug von Flüchtlingen.

Während die Gläubigen sich noch unterhalten, sitzt Kamal Mohamad Abdallah nebenan im Büro vor einem Schreibtisch und bereitet sich auf die Predigt vor. Der 45-Jährige trägt einen weißen Turban auf dem Kopf und ein langes, ebenso weißes Gewand, das bis zu den Füßen reicht. Er hat einen stattlichen grau-melierten Vollbart. Abdallah ist der Vorsitzende des Vereins und an diesem Freitag auch der Imam, also der Vorbeter, der im Islam keine spezielle Ausbildung braucht, den Koran aber gut kennen muss.

Deutsch als Mittlersprache

„Freitags ist es oft übervoll“, sagt Abdallah. Zu besonderen Anlässen wie dem Opferfest oder dem gemeinsamen Fastenbrechen im Ramadan kämen manchmal so viele, dass gruppenweise gefeiert werde. „Die meisten Gläubigen leben in Potsdam“, sagt Abdallah, manche auch in Bad Belzig oder Teltow.

Als die Predigt beginnt, sind die beiden Gebetsräume bis zum Rand voll. Männer unterschiedlichen Alters sind gekommen, ein paar Kinder auch. Sie stammen aus arabischen Ländern, aus Afrika, dem Kaukasus und vom Balkan. Die meisten sind Sunniten, Schiiten sind laut Abdallah aber auch willkommen. Weil sie so unterschiedliche Muttersprachen haben, hört man sie oft Deutsch miteinander reden. Frauen sind an diesem Tag nicht dabei. Für sie gibt es nebenan einen eigenen Gebetsraum.

Leises Murmeln ist zu hören, ältere Männer lassen Gebetsketten durch die Hände gleiten. Auf der hölzernen Gebetsnische neben der Kanzel klebt ein Schild, das bedeutet: Handy aus!

Zwei Potsdamer Lehrer haben sich unter die Gläubigen gemischt. Ein Christ und ein Agnostiker, also jemand, für den es nicht relevant ist, ob es einen Gott gibt. Der heißt Florian Kirchesch und erzählt, dass sie schon mal mit Schülern hier waren. „Heute sind wir einfach gekommen, um mitzubeten.“ In Zeiten, da viel über Hass auf den Islam gesprochen werde, wolle er Solidarität zeigen.

Der Imam predigt zuerst auf Arabisch, nach 15 Minuten wechselt er ins Deutsche. Es geht um Respekt in der Sprache. „Durch Sprache gewinnt man die Herzen“, sagt er. „Ein bitteres Wort bricht uns das Herz.“ Muslime sollten höflich sein und andere Menschen nicht verletzen.

„Muslime sind friedlich“

Abdallah lebt mit Frau und fünf Kindern in Potsdam. Seit 1990 ist der 45-Jährige in Deutschland, erzählt er nach dem Gebet. Als Palästinenser im Libanon geboren, hat er heute einen deutschen Pass. Sein Visum erhielt er noch von der untergehenden DDR. Der gelernte Eisenschmied arbeitet in Cecilienhof für eine Servicegesellschaft der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

Bei ihm stehe die Toleranz stets im Vordergrund, sagen Mitglieder der Gemeinde. Abdallah und seine Leute sind aktiv bei BeDiTo (Begegnung, Dialog, Toleranz), einem interreligiösen Verein. „Wir treffen uns regelmäßig mit Juden und Christen“, sagt Abdallah. Kürzlich gab es ein Treffen in der Friedenskirche, Diskussionsrunden werden organisiert, und im Sommer treffe man sich beim Pfarrer zum Grillen. „Die Hauptsache ist, dass wir miteinander statt übereinander reden.“

Nach dem Gebet sitzt der Imam mit Abdul-Basir Siddiqi zusammen, einem 58-jährigen Afghanen. Sie sprechen über Pegida, Religion und die Terrororganisation Islamischer Staat, die sie für eine große Schande halten. Dass Menschen im Namen ihrer Religion morden, macht sie fassungslos. „Muslime sind friedlich, und der Islam akzeptiert Andersartigkeit ausdrücklich“, sagt Siddiqi. Er erzählt, dass er vor der Machtübernahme der Taliban ein hoher Regierungsbeamter in Kabul war. Er hat Bücher geschrieben, etwa zum Thema Islam und Freiheit. „Für mich geht es immer um die Frage, wie wir im Frieden mit anderen Religionen leben können“, sagt Siddiqi.

Haben sie Angst vor Pegida und Co.? „Angst nicht, aber wir machen uns Sorgen, dass die Stimmung aggressiver wird“, sagt Abdallah. Siddiqis Gebetskette, die er die ganze Zeit in der Hand hält, klappert nun etwas lauter. „Sie verstehen unsere Kultur und unsere Religion nicht“, sagt Siddiqi. „Wir müssen uns alle von der Angst vor dem anderen befreien.“ Das ginge nur über den Dialog. „Wenn jemand Fragen hat, kann er doch mit uns reden.“