Das kleine Mädchen mit der pinkfarbenen Umhängetasche hält eine Handykamera hoch. Sie fotografiert ihre Familie, es dürften Vater, Mutter und Geschwister sein.

Die Schwester, nur ein paar Jahre älter, hat die grün-weiß-rote Flagge Irans um die Schultern gewickelt, der bärtige Vater, mit modischer Destroyed-Jeans und V-Neck-Shirt, hält ein Schild in der Hand, auf dem steht: „Wir respektieren Juden, aber Israel nicht!!“ Das kleine Mädchen lacht und macht ein Foto. Auf der Handyhülle ist das Symbol der libanesischen Terrororganisation Hisbollah zu sehen: ein hochgestreckter Arm mit einer Kalaschnikow in der Faust.

Auf der pinkfarbenen Tasche des Mädchens, vielleicht acht Jahre alt, steht das Wort „Love“ auf einem geflügelten Herzchen.

Das ist eine durchaus typische kleine Szene an diesem Freitagnachmittag auf dem Adenauerplatz am Kudamm. Es ist der letzte Freitag des Ramadan, an dem nun seit fast 40 Jahren schon der „Al-Kuds-Tag“ stattfindet.

Vor allem im Iran ist der Kudstag eine große, offen antisemitische Veranstaltung

Ausgerufen einst vom schiitischen Revolutionsführer und Israel-Hasser Ayatollah Khomeini, soll der Kudstag, wie er noch kürzer heißt, die Muslime aller Länder auffordern, Jerusalem (arabisch: Al Kuds) von den Juden gewaltsam zurückzuerobern – eigentlich aber gleich das ganze Heilige Land.

Vor allem im Iran ist der Kudstag eine große, offen antisemitische Veranstaltung. In Berlin, wo sich in diesem Jahr rund 600 Menschen zur Al-Kuds-Demonstration treffen, ist das etwas komplizierter.

Seit dem vorigen Jahr hat die Hauptstadtpolizei den Demo-Teilnehmern strengere Auflagen gegeben. Wurden früher etwa blutrot beschmierte Baby-Puppen hochgehalten und der „Tod Israels“ gefordert, so ist der Veranstalter, die „Quds AG“ um den anti-israelischen Aktivisten Jürgen Grassmann, inzwischen deutlich vorsichtiger.

Viele jüngere und ältere Männer sind gekommen

Von einem kleinen Lastwagen mahnt ein Redner, es dürften ausschließlich die Parolen wiederholt werden, die aus dem Lautsprecher tönen. „Kein ’Nieder mit Israel’ und keine Hisbollah-Fahnen“, sagt der Mann – und erntet dafür einige Buhrufe aus der Menge.

Viele jüngere und ältere Männer sind gekommen, meist locker sommerlich gekleidet, die Frauen tragen Hidschab oder den iranischen Ganzkörperumhang Tschador. Ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, hält ein Schild in der Hand, auf dem „Freedom for Gaza“ steht.

Lesen kann er es noch nicht. Ein anderer, etwas älter, trägt ein Schild mit dem Satz: „Israel ist nicht mehr zeitgemäß!“ Man kann es kaum entziffern, denn der Junge läuft mit ein paar Kumpels aufgeregt herum.

Von der Antifa werden sie schlicht „die Bürgerlichen“ genannt

Der Zug setzt sich dann langsam auf dem Kudamm in Bewegung. Auf der anderen Seite des Adenauerplatzes hat sich eine der beiden Gegen-Demonstrationen formiert. Um die 200 junge Leute aus dem sehr linken Spektrum – Jusos, Antifas, Linkspartei-Mitglieder – stehen um einen roten VW-Transporter mit beachtlichem Lautsprecher.

Israel sei der „Schutzraum gegen Antisemitismus“, liest jemand aus einem Statement der Neuköllner Antifa vor. Man sei gegen Antisemitismus und gegen Rechtspopulismus. „Deutschland, du mieses Stück Schmierseife“, heißt es dann noch am Schluss des Statements.

Einige Politiker sind gekommen

Um diese Zeit ist die andere Demonstration, die sich gegen den antisemitischen Al-Kuds-Marsch richtet, bereits auf dem Weg zum Wittenbergplatz. Von den Antifas werden sie schlicht „die Bürgerlichen“ genannt. Mit denen gehe man nicht gemeinsam, da seien auch CDU- und AfD-Mitglieder dabei, sagt ein junger Mann am Adenauerplatz.

In der Tat: Auf dem George-Grosz-Platz, wo sich die knapp 200 „Bürgerlichen“ trafen, sprachen nicht nur Innensenator Andreas Geisel (SPD) und der Grünen-Politiker Volker Beck, sondern auch der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Dieter Gröhler aus Charlottenburg. Und Hugh Bronson, AfD-Fraktionär aus dem Abgeordnetenhaus, lief einfach mit.