Berlin - Als sie sich am späten Nachmittag gegenüberstehen, scheint für einen Moment das, was sie trennt, nur 100 Meter regennasse Straße und zwei Reihen behelmter Polizisten zu sein. „Free Gaza“ rufen sie auf beiden Seiten, und meinen doch nicht das Gleiche: Die rund 1 200 Teilnehmer der Al-Kuds-Demonstration wollen Palästina von Israel befreien, die paar Hunderte, die an diesem Tag auf die Straße gekommen sind, um gegen sie zu protestieren, wollen einen Gazastreifen ohne die Hamas. Kurz wünscht man sich, dass hier so mancher zuerst das Gemeinsame sehen würde.

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Mittags, als die ersten Gegendemonstranten gegen den Al-Kuds-Aufmarsch am Adenauerplatz in Berlin-Charlottenburg eintreffen, erscheint alles noch ganz einfach. „Völlig klar, auf welcher Seite wir heute stehen“, sagt Klaus Lederer, Landesvorsitzender der Linkspartei.

„Man kann die israelische Politik kritisieren, man darf aber nicht alle jüdischen Bürger dafür in Haftung nehmen.“ Anja Schillhaneck von den Grünen steht auf derselben Seite ein paar Meter weiter. „Wenn man heute nicht auf die Straße geht, um jedem zu zeigen, Antisemitismus geht gar nicht, ja, wann dann?“

„Kein Platz für Gewalt“

Hinter der Absperrung, die die Gegendemonstration vom Adenauerplatz fernhält, trudeln die ersten Teilnehmer der Al-Kuds-Kundgebung ein. Es ist in den vergangenen Tagen viel über sie gesprochen worden. Weil es immer wieder antiisraelische Demos gegeben hatte, weil dabei immer wieder antisemitische Parolen gerufen worden waren. Am vergangenen Sonnabend etwa hatte auch alles friedlich begonnen.

Dann war ein israelisches Pärchen an der Demo vorbeigeschlendert, Teilnehmer gingen auf die beiden los, die Polizei konnte nur knapp verhindern, dass Schlimmeres passierte. Am Donnerstag wurde ein junger Mann, der eine Kippa trug, in Charlottenburg von einem Fremden ins Gesicht geschlagen.

Jetzt aber stehen hier kleine Jungen mit Schildern: „Gläubige Juden, Christen und Muslime seid vereint, Palästina wird befreit.“ Eine ältere Frau hält ein Bild von einem toten Baby hoch, darunter die Aufschrift: „Rakete angekommen“, ein Mann reckt eine Puppe in die Höhe, deren Körper mit roter Farbe beschmiert ist. Am Rande steht eine blasse Frau, ihr Kopftuch hat sie gegen einen Palästinenserschal getauscht, sie legt ihrer Tochter eine palästinensische Flagge um die Schulter, die ihr bis zu den rosafarbenen Turnschuhen reicht.

Die Frau will ihren Namen nicht sagen, Deutsch spricht sie kaum, obwohl sie vor 17 Jahren aus Palästina hergekommen sei, die Kleine übersetzt: „Wir wollen nicht, dass Kinder in Gaza sterben.“ Und erzählt dann, dass die Tante mit ihrer Familie im Gazastreifen lebt, vor ein paar Tagen sei das Haus ihrer Nachbarin von einer Rakete getroffen worden. Weiß sie, was Antisemitismus ist? Das Mädchen schüttelt den Kopf. Und Israel? Die Mutter beugt sich vor, sagt etwas. „Juden haben das gleiche Recht auf Leben“, sagt das Mädchen.

So reden hier viele: die Schülerinnen Sieba und Safa, die lachen, als eine Frau ihr Rad vorbeischiebt und sagt: „Warum seid ihr auf der Al-Kuds-Demo? Wollt ihr Israel auslöschen?“ Die beiden antworten: „Was redet die? Wir sind gegen Krieg!“ Und machen mit dem Smartphone ein Foto, für Facebook.

Wie passt das zusammen? Die junge Mutter, ihre Tochter, die Schülerinnen und die Mahnungen, die in den vergangenen Tagen ausgesprochen wurden: „In Berlin ist kein Platz für Gewalt und Hetzparolen“, hat der Regierende Bürgermeister mit Blick auf die Demo gesagt.

„Kontrolliert eure Emotionen“

Kurz nach 15 Uhr tritt ein Al-Kuds-Vertreter auf die Tragefläche des Miettransporters, der den Zug anführen wird. Zu seinen Füßen stehen zwei orthodoxe Juden, einer hält ein Schild: „Israel repräsentiert die Juden nicht.“ Der Redner sagt: „Gläubige Juden sind unsere Brüder, Zionisten sind unsere Feinde.“
Man möchte ihm in diesem Moment Glauben schenken, wenn er sagt, dass sie keinen Antisemitismus dulden werden auf ihrer Demo. Dass die, die Schilder mit den Konterfeis von Gandhi und Malcom X tragen, den Ton angeben werden – da gibt es bereits erste Meldungen der Polizei, dass bekannte Rechtsextreme nahe der Versammlung gesichtet wurden, dass bereits Dutzende aufgeregte Jugendliche Richtung Wittenbergplatz ziehen. „Kontrolliert eure Emotionen“, sagt der Veranstalter, „wir sind in Berlin, nicht in Gaza. Wir haben keine Messer, wir verbrennen keine Fahnen.“

Hinten, wo sie eine riesige palästinensische Fahne zwischen Dutzenden Händen gespannt halten, steht Gürhan Özoguz, 51, Abwassertechniker, er ist aus Bremen angereist, um denen etwas entgegenzuhalten, die antisemitische Parolen rufen wollen. „Wir müssen doch trotzdem gegen das Unrecht in Gaza demonstrieren“, sagt er.

Am Ende kann Özoguz nichts dagegen tun, dass Ordner des Zugs Polizisten angreifen, dass „Sieg Heil“ und „Kindermörder Israel“ aus der Menge gerufen wird. Immer wieder schaffen es auch die Teilnehmer der Gegendemonstration mit ihren Israel-Fahnen an den Absperrungen vorbei. Dann gibt es Geschrei und Gerangel, bis die Polizei einschreitet. Das Trennende ist am Ende des Tages stärker.