Berlin - Jahrelang herrschte Unklarheit darüber, wie gut Kinder in den Berliner Kitas tatsächlich betreut werden. Als einziges Bundesland konnte die Hauptstadt in den vergangenen Jahren dem Statistischen Bundesamt nicht klar mitteilen, um wie viele Kinder sich eine Kita-Erzieherin in Wirklichkeit kümmern muss. Kita-Betreiber munkelten bereits, diese Daten würden bewusst nicht herausgegeben. Die Senatsbildungsverwaltung gab an, dass Berlin anders als alle anderen Bundesländer eine anderen Erhebungsmethode anwende.

Doch nun endlich liegen verlässliche Daten des Statistischen Bundesamtes vor. Offenkundig ist nun , dass der Personalschlüssel für die Krippenkinder nirgendwo so schlecht ist wie in Berlin. Statistisch gesehen muss sich eine Erzieherin um 6, 6 Kleinkinder unter drei Jahren kümmern. In Bremen oder Baden-Württemberg sind die Gruppen in dieser Altersgruppe nur halb so groß. In Berlin aber haben Kita-Erzieherinnen besonders wenig Zeit, um sich den Kleinsten anzunehmen, mit ihnen zu spielen, sie zu trösten, das Sprechen mit ihnen zu üben, nebenbei die Windeln zu wechseln und dann noch ihre Beobachtungen in das Sprachlerntagebuch einzutragen. Dabei hat der Berliner Senat die Kitas vor Jahren bereits zu Bildungseinrichtungen erklärt und dafür offiziell ein eigenes Programm zu frühkindlichen Bildung festgelegt.

Elterngremium fordert mehr Transparenz

Bei den älteren Kita-Kindern sieht die Betreuungssituation allerdings etwas besser aus. Hier kommt eine Erzieherin auf statistisch gerechnet 9,5 Kinder. Der bundesweite Durchschnitt sind hier 9 Kinder in Gruppen von 2 bis 8 Jahren. In einigen Bundesländern bleiben Kinder wegen späterer Einschulung länger im Kindergarten. Betrachtet man die komplett altersgemischten Gruppen landet Berlin gemeinsam mit Sachsen wiederum auf dem letzten Platz. All diese Berliner Daten hat nun das statistische Landesamt durch eine umfangreiche Erhebung selbst beschafft – offenbar im Auftrag des Bundesamtes in Wiesbaden.

Der Berliner Landesausschuss Kita (Leak), das oberste Elterngremium, reagiert jetzt mit einem Elf-Punkte-Forderungspapier, um die Situation in den Kitas zu verbessern. Beim Personalschlüssel müssten endlich die Krankheits- und Urlaubstage berücksichtigt werden, forderte der Leak-Vorsitzende Norman Heise. Die tatsächliche Betreuungssituation müsse gegenüber den Eltern offen gelegt werden. „Wir setzen uns dafür ein, dass das pädagogische Personal einer Kita jeden Monat erfasst wird und Abweichungen, die länger als vier Wochen andauern, geheilt werden“, heißt es in dem Papier weiter.

Vorgeschlagen wird die Einrichtung einer unabhängigen Mess- und Schlichtungsstelle, an die sich Eltern wenden können. „An die Kita-Leitung selbst richten sich Eltern eher ungern, weil sie einen Vertrag mit der Kita haben und mitunter Nachteile befürchten“, sagt Leak-Vorstand Katrin Molkentin. Im Papier wird deshalb die landesweite Erhebung der Ausfall- und Abwesenheitszeiten gefordert. Zudem sollten Erzieher mehr verdienen und der finanzielle Eigenanteil der Kita-Betreiber entfallen. Kita-Gutscheine müssten mindestens sechs Stunden lang gültig sein, denn sonst müsse man Kinder bereits während der Mittagsschlafphase abholen.

Der Senat steht vor dem Problem, dass eine Verbesserung beim Personalschlüssel sofort Millionensummen verschlingen würde. Alles zur Verfügung stehende Geld wird derzeit ohnehin benötigt, um angesichts einer steigenden Anzahl von Kleinkindern Geburtenzahlen die Kita-Kapazitäten auszubauen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will nun verstärkt Kita-Plätze in sozial schwachen Gebieten schaffen. Während zuletzt durch die finanzielle Hilfen für Elterninitiativen sehr viele kleine Kitas in eher bildungsbürgerlich geprägten Gegenden entstehen konnten, sollen nun mehr Kitas in Problemkiezen her. Beim neuen Kita-Bedarfsatlas werden die Quote der Hartz IV-Bezieher sowie die Migrantenquote deshalb noch stärker gewichtet, hieß es. In diesen Kiezen werden dann prioritär neue Plätze entstehen. „Auch wenn Berlin insgesamt bei der Teilhabequote im Kita-Bereich sehr gut dasteht, liegen einzelne Bezirke zum Teil deutlich unterhalb des Berliner Durchschnitts“, sagte Scheeres. Als Beispiel nannte sie Spandau, Reinickendorf und Mitte.