Henning Harnisch wurde 1993 mit der Deutschen Basketball-Nationalmannschaft Europameister. Damals war das eine große Überraschung. Es hat sich viel getan im deutschen Basketball – und das hat auch mit Henning Harnisch zu tun: Er ist mittlerweile zuständig für die Nachwuchsarbeit bei Alba Berlin.

Herr Harnisch, wie finden Sie die Basketball-Europameisterschaft in Berlin bisher?

Wenn man in der Halle ist, merkt man, was das für ein überragendes Ereignis ist, die Europameisterschaft in der eigenen Stadt zu haben. Am Sonntag habe ich das Spiel der Deutschen gegen die Serben gesehen, die Stimmung war sehr gut, die Halle voll, und anders als bei einem klassischen Alba-Spiel, viel internationaler.

Und die Leistung der Deutschen?

Ich habe ein gutes Gefühl. Man merkt: Das ist ein echtes Team. Bis zur letzten Sekunde ein Spiel gegen starke Serben offen halten zu können, das ist schon eine beeindruckende Leistung. Mit ein wenig Glück hätte man das Spiel sogar gewinnen können. Die bisherige Leistung und der Heimvorteil machen große Hoffnungen für die beiden anstehenden Schlüsselspiele gegen die Türkei und Italien. Ich freue mich, dass ich der deutschen Mannschaft um Dirk Nowitzki in den nächsten Tagen noch mal zujubeln darf. Man kann die Resultate einer gesamtdeutschen Anstrengung in der Nachwuchsarbeit erkennen: hervorragende jüngere Spieler wie Dennis Schröder, Niels Giffey und Maodo Lo. Darauf lässt sich aufbauen.

Nachwuchsarbeit, das ist Ihr Thema. Was tut Alba Berlin für den Basketball-Nachwuchs?

Wir unterstützen berlinweit Schulen und Kitas, ihr Sportangebot zu erweitern, indem wir Trainer in den Unterricht schicken. Wir etablieren AGs und bauen Schulvereinsteams auf. Wir verfolgen da einen ganzheitlichen Ansatz.

Was meinen Sie damit?

Von der Kita bis zum Schulabschluss – eine Biografie mit Sport und uns. Nehmen wir Gropiusstadt. Wir haben dort den Bildungsinstitutionen und den sozialen Akteuren unser Modell geschildert und dann Kooperationen gestartet. Miteinander regelt man, was im Schulsport und außerhalb der Schule gemacht wird und welchen Anteil daran Basketball hat.

Und das machen Sie in Kiezen wie der Gropiusstadt?

Am Anfang stand die Idee der konzentrischen Kreise, die sich von Prenzlauer Berg, wo der Verein seinen Sitz hat, über die Stadt ausdehnen. Wir kommen immer mehr an die Ränder der Stadt. Wir sind im Märkischen Viertel, Marzahn, Hellersdorf und eben Gropiusstadt. Die Ränder der Stadt müssen viel stärker in den Fokus.

Wieso?

Eine Stadt darf sich nicht auseinanderentwickeln. Man muss die Peripherie ins Zentrum rücken. Darauf liegt viel zu wenig der Fokus, allein schon aus sozialen Gründen muss man da mehr drauf gucken. Ich sage immer: Aus der Gropiusstadt muss ein Nationalspieler kommen. Aus dem Märkischen Viertel ebenso.

Warum Berlin, warum Basketball?

Die Stadt hat vieles, was gut zu Basketball passt. Das Urbane, Innerstädtische. Berlin ist eine Stadt, in der man gut Refugien finden kann. Wie schaffen wir es beispielsweise, die Schule zu einem offenen Raum zu machen für Spiele wie Basketball, aber auch Theater und Musik? Wenn wir das nicht selbst machen, überlassen wir das dem Zufall. Wenn ich 30 Nationalspieler der vergangenen 20 Jahre nehme und die frage, wie sie zum Basketball kamen, dann sind das 30 tolle Zufälle. Wenn wir das nicht machen, wer macht das dann? Albas Rolle als Verein in dieser Stadt ist es also, neue Möglichkeiten und Ideen aufzuzeigen, Angebote herzustellen und unsere Strahlkraft in die Kieze zu tragen.

Basketball als Medium?

Ja, klar. Wenn wir ein Grundschulturnier ausrichten, kommen die Kinder aus der ganzen Stadt zusammen, Marzahn, Hellersdorf, Mitte, Kreuzberg. Da begegnen sich zum Teil Welten.

Die sich nichts zu sagen haben?

Auf eine Art ist das so. Wir arbeiten am Wedding und am Prenzlauer Berg. Da treffen sich dann zwei Schulleiter, die von ihrem Schulalltag her erst mal wenig gemeinsam haben. Da brauchst du schon zwei wache Leute, die das aufbrechen. Bei den Kindern kann das ähnlich sein. Aber Basketball ist ein tolles Medium zur Verständigung. Und wie viele von den Kindern mittlerweile richtig gut Basketball spielen können, das ist beeindruckend.

Haben die anderen großen Klubs der Stadt diesen Wert für sich erkannt?

Wir haben ja mit dem Projekt „Alba macht Schule“ begonnen. Mittlerweile sind Hertha BSC, der

1. FC Union, die Eisbären, Füchse und BR Volleys eingestiegen. „Profivereine machen Schule“ ist daraus geworden.

In Berlins Olympiabewerbung war davon nicht die Rede. Warum?

Gute Frage. Warum hat man nicht damit offensiver geworben: den Sport in den Fokus setzen von der Kita in die Grundschule in die weiterführende Schule, sowas wie eine Sportbiografie herstellen, unabhängig von sozialer Herkunft? Das ist die Idee: Sport von unten.

Hatte Berlin eine tragfähige Idee?

Es steckte meiner Meinung nach zu wenig echte Energie darin. Zu viel Institutionalisiertes, aber wenig kreative Ansätze. Die Olympischen Spiele brauchen aber eine eigene, klare Sportidee. Die fehlte leider.

Ist das etwas, an dem die Stadt krankt: klare Ideen?

Es wird ja immer behauptet, dass hier so viele Leute gute Sachen ins Leben rufen, dass Berlin ein guter Nährboden dafür ist. Es ist aber schwierig zu durchschauen, wie so ein Verwaltungsapparat funktioniert, an dem ja letztlich die Umsetzung hängt.

Nennen Sie mal ein Beispiel?

Thema Fahrrad: Hier fahren immer mehr Leute Fahrrad. Warum wird Berlin nicht noch mehr eine Fahrradstadt? Wenn wir uns damit beschäftigen würden, würden wir feststellen: Aha, hier denken richtig viele Leute darüber nach und arbeiten in diesem Feld. Gleichzeitig stellt man fest, dass die Umsetzung nicht so wirklich schnell läuft. In Kopenhagen geht das irgendwie schneller.

Und doch scheint Berlin Ihre Stadt zu sein…

Ich bin dankbar, weil ich durch die Arbeit die Stadt ganz neu kennengelernt habe. Ich komme viel rum und sehe dabei nicht nur Schulsporthallen und Klassenzimmer. Ich hatte ja die typische Berlin-Sozialisation eines Zugereisten. Erst mal Kreuzberg, ich war damals 28. 1996 wollten viele weg aus Kreuzberg. Die Kneipen waren leer, es herrschte eine komische Stimmung. Im Nachhinein war das toll. Kreuzberg hat eine Seele.

Was kam danach?

Als das erste Kind kam, sind wir völlig ahnungslos von Kreuzberg nach Friedrichshain gezogen und haben dort lange gewohnt. In Friedrichshain bin ich nie heimisch geworden.

Wieso?

Kreuzberg war mir immer näher, die Kneipen, die Kinos, der Menschenmix.

Sind Sie wieder zurück nach Kreuzberg?

Nein, vor fünf Jahren sind wir an den Prenzlauer Berg gezogen. Da habe ich mir geschworen, nie etwas Schlechtes über den Prenzlauer Berg zu sagen.

Wohin geht’s als Nächstes?

Im Prinzip würde ich gerne nach Charlottenburg ziehen, aber jetzt haben wir zwei Kinder in der Schule, da zieht man nicht so einfach um.

Warum Charlottenburg?

Ich mache das gerade mit einem Freund so, dass wir uns in einem Stadtteil treffen, als würden wir für ein Stadtmagazin arbeiten. Wir gehen essen, dann an ein, zwei andere Orte. Was mir an Charlottenburg gefällt, sind die gewachsenen Strukturen. Das Touristische ist hier nicht so auffällig und auch die jungen Leute nicht.

Sie erkunden die Stadt wie ein Tourist?

Das mag ich so an Berlin. Man fährt 20 Minuten und ist in einer anderen Welt. Man fährt vom Prenzlauer Berg zum Stuttgarter Platz und setzt sich ins Lenz um 18 Uhr. Der Laden ist voll mit Kulturbürgern. Echt ein krasser Wechsel.

Empfinden Sie Mitte oder Prenzlauer Berg als unnormal?

Nein, aber irgendwie habe ich das Gefühl, es ist zu viel. Zu viele Touristen, zu wenig Normales. Wir haben die BG 2000 aus Charlottenburg als Partnerverein. Wir treffen uns manchmal in einer Pizzeria neben dem Rathaus dort. Ein toller Ort. Der ist nicht schick, nicht aufgeblasen. Der ist so normal, nette Leute, das ist einfach toll. Komisch eigentlich, dass mir sowas Normales so auffällt.

Das Gespräch führten Aleksandar Zivanovic und Christian Schwager.