Berlin - Die ältere Dame in der U9 überlegt, ob sie die vier muskulösen Jungmänner, die den Waggon mit provozierend lauter Handy-Musik beschallen, bitten soll, ihre schmutzigen Turnschuhe von den Sitzen zu nehmen. Sie tut es nicht, weil sie nicht weiß, ob die vier der Bitte artig Folge leisten, sie unflätig beschimpfen und bedrohen oder sie gar, wie mehrfach in Berlin geschehen, aus diesem nichtigen Anlass zusammenschlagen würden.

Zumindest statistisch ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer von Jugendgewalt zu werden, in Berlin weiter gesunken. Das teilten Innenstaatssekretär Andreas Statzkowski (CDU) und die Forscher der „Arbeitsstelle Jugendgewaltprävention“ am Montag mit. Sie legten das „Berliner Monitoring Jugendgewaltdelinquenz“ 2015 vor. Wichtigste Ergebnisse der Studie, die auf Daten aus dem Jahr 2013 basiert: „Berlin ist keine Metropole der Jugendgewalt“, betonte Statzkowski. Insgesamt sei die Zahl sogenannter Rohheitsdelikte (unter anderem Körperverletzung, Raub, Nötigung) weiter zurückgegangen.

2013 waren laut Monitoring 1,9 Prozent aller 8- bis unter 21-Jährigen als Tatverdächtige bei solchen Delikten bei der Polizei registriert. Zwei Jahre zuvor waren es noch 2,3 Prozent. Das allein wäre noch kein Grund zum Jubel, aber der aktuelle Bericht fügt sich den Experten zufolge in einen langjährigen Trend nach unten ein. Danach sinkt die Jugendgewalt, die nach der Wende um 1990 stark angestiegen war, seit etwa 2008 wieder ab. Dazu trägt bei, dass der Senat 2011 ein Konzept gegen Jugendgewalt verabschiedete und eine Reihe von Präventionsprojekten startete, die zu Gewaltanwendung neigende Jugendliche auf dem rechten Weg halten oder sie dorthin zurückführen sollen.

An Schulen geht es friedlicher zu

Zurückgegangen ist ebenso die Zahl der schweren Gewaltdelikte, etwa mit Waffen. Auch wenn manche Schlagzeile anderes vermuten lässt: An den Schulen geht es statistisch friedlicher zu. Die polizeilich registrierten Rohheitsdelikte nahmen im Vergleich zum Vorjahr um 13 Prozent ab, allerdings nicht bei allen Schultypen gleichermaßen. Integrierte Sekundar- und Grundschulen weisen eine höhere Belastung als etwa Gymnasien auf. Die Forscher stellten fest, dass die Tatverdächtigen zudem jünger sind als früher. Schon 8- bis 14-Jährige schlagen zu oder drangsalieren ihre Mitschüler auf andere Weise, etwa durch Mobbing. Diese psychische Gewalt ist für die Betroffenen nicht selten genauso belastend wie physische. Letztere wird hauptsächlich von männlichen Jugendlichen ausgeübt, ihr Anteil liegt bei Raub und Straftaten gegen das Leben bei 90 Prozent, bei Körperverletzungen und Bedrohungen bei knapp 80 Prozent.

Das ist keine besonders überraschende Erkenntnis. Die gibt es eher in dem Teil des Berichts, in dem die vom Senat beauftragten Experten unter der Leitung von Albrecht Lüter die Verteilung von Jugendgewalt in Berlin untersuchten. Dazu werteten sie die Polizeistatistiken für die 138 sogenannten Sozialräume der Stadt aus und kamen zu dem Schluss, dass einzelne Regionen eine sehr hohe Gewaltbelastung aufweisen. Berlin- Mitte liegt an der Spitze, aus sozialen Gründen, aber auch wegen der hier stattfindenden Großereignisse mit vielen Besuchern. Die Zahlen sind jedoch rückläufig.

Stark betroffen sind die eher bürgerliche Gegend um den Kurfürstendamm in Charlottenburg sowie Großsiedlungen am Stadtrand wie Marzahn-Nord, Hellersdorf-Nord sowie ein Teil des Märkischen Viertels im Norden. Bei Gewaltvorfällen an Schulen liegt Neukölln an der Spitze.

Was genau sich bei den Rohheitsdelikten am Kudamm unter Jugendlichen abspielt, wissen die Forscher noch nicht. Der hohe Publikumsverkehr dort, so wird angenommen, dürfte eine Ursache sein. Unbekannt ist auch noch, ob es einheimische junge Leute sind, die sich prügeln oder auch jugendliche Besucher von auswärts. Klar ist laut einer Befragung, die die Forscher unter Jugendlichen durchführten, dass Einkaufszentren beliebte Aufenthaltsorte sind. Delikte kommen auch in anderen Shopping-Gegenden wie der Schloßstraße in Steglitz oder am Alexanderplatz häufiger vor als anderswo.

Ratschlag an die Regierenden

Die Ursachen für Jugendgewalt in den Großsiedlungen sehen die Forscher vor allem in der sozialen Situation der Bewohner: Wo Arbeitslosigkeit der Eltern samt Hartz-IV-Bezug und Perspektivlosigkeit in den Familien der Heranwachsenden vorherrscht, kommt es eher zu Auseinandersetzungen unter Jugendlichen.

„Das Monitoring zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen sozialer Struktur und Jugendgewalt“, sagt Forscher Albrecht Lüter. Die Präventionsmaßnahmen, die sein Team jeweils mit untersucht hat und von denen es in den Bezirken eine Vielzahl gibt, sollten kritisch auf ihre Wirkung untersucht und auf die besonders belasteten Gebiete konzentriert werden, empfiehlt Lüter. Und sein Rat an die Regierenden, wie sich die Entstehung neuer sozialer Brennpunkte möglichst verhindern lässt, heißt: Berlin braucht Wohnungen, „aber bevor man wieder Großsiedlungen plant, sollte man die Erfahrungen der Vergangenheit beachten.“