„Ich bin ein Hinterbänkler“, hat mein Vater mal gesagt. Interessanter Satz von einem Reporter. Es war ihm lieber, nicht so sehr zu sehen zu sein. Andere wollte er jedoch unbedingt sichtbar machen. Er ist gereist, um zu sehen, und hat geschrieben, um zu verstehen.

Die Poesie in seinen Texten

Mit Sehnsucht nach dem Unentdeckten hat ihn das Offensichtliche nicht nur nicht interessiert, er hat ihm auch misstraut. Und so machte er sich oft auf, um das Abseitige zu suchen, kleine Ereignisse, in denen sich politische oder gesellschaftliche Zusammenhänge offenbarten. Er schrieb Porträts über Menschen und ihre Leben. Menschen, von denen man weniger hört: Vergessene, die am Rande, unverwechselbare Geschichten von Leuten im Schatten.

Eigentlich schrieb er nicht über sie, sondern von ihnen, versuchte, die Dinge von unten zu betrachten, nicht von oben. Privat war das sicher auch anders, aber im Schreiben hat er das Große im Kleinen erkannt, nicht das Simple, aber das Einfache gesucht und dem Leser damit einen ungeheuer zärtlichen Einblick ermöglicht. In den Zwischenräumen seiner Reportagen, durch das, was er wegließ, hat er oft vom Eigentlichen erzählt. Und so entstand dann, selbst in einem journalistischen Text, manchmal so etwas wie Poesie.

Kleine bunte Zettel

Seine Mutter wurde in Bessarabien geboren, unweit von Odessa am Schwarzen Meer, und es zog ihn oft in die osteuropäischen Gebiete. Von den Menschen dort hat er dann immer wieder erzählt. „Die haben so wenig, aber das teilen sie mit dir.“ Er brauchte diese Weite einer Reise, und wenn er zurückkam, lagen in der ganzen Wohnung kleine, farbige Zettel herum, auf denen er sich beim Schreiben Notizen machte. Jedenfalls nehme ich das an, denn lesen konnte man das eigentlich nicht.

Er war viel allein. Zu Hause mit Büchern und auf Reisen für ein Stück des Weges vielleicht noch mit einem Fotografen. Ich weiß nicht, ob er das wollte, aber es wirkte immer so, als könne er es ganz gut. Manchmal habe ich ihn gefragt, was er denn abends, allein in diesen Kaschemmen, wie er die Orte, in denen er abstieg, oft nannte, gemacht habe? „Bisschen sinniert“, sagte er dann. Und das war ernst und selbstironisch zugleich, und da gab’s dann nichts weiter zu sagen.

„Journalist ist ein Schweineberuf“

So weltoffen wie er war, so verschlossen konnte er sein. Er hasste es, sich hervorzutun, im Mittelpunkt zu stehen, und er sagte von sich: „Ich kann nicht schreien.“ So war auch der Humor in seinen Texten. Man musste ihn selbst finden, er hätte einem nie entgegengefeixt. Sein meisterlicher Umgang mit Sprache hat mich sehr geprägt, aber mein Beruf handelt auch von der Sprachlosigkeit, und die hat meinen Vater auch umgeben.

„Journalist ist ein Schweineberuf“, sagte er manchmal und meinte damit vielleicht die Enttäuschung darüber, dass der feine Pinselstrich kaum noch gesehen wird, dass Nachrichten vor allem dann wertvoll erscheinen, wenn sie laut sind, dass keine Zeit dafür ist, von etwas Langsamem zu erzählen und dass das Ganze einfach voll von unnützen Egos ist und Geld bringen muss. Aber er hat ihn natürlich heiß und innig geliebt, diesen Beruf. In schweren Lebensphasen sagte er: „Ich kann nicht mal mehr schreiben.“ Und das hieß: Jetzt ist es aus. Denn das Schreiben war ein Ausdrucksmittel für ihn, da durfte niemand ran.

In einer Welt, in der die Bilder so schnelle Wege nehmen und uns glauben machen, wir wüssten, was da auf anderen Teilen der Erde geschieht, wird der Beruf des Reporters immer wichtiger. Es gilt ihn zu schützen. Denn eins ist viel gefährlicher, als nichts zu wissen: zu glauben, dass man weiß, obwohl man es eben nicht tut.

Der unkorrumpierbare, aufrichtig interessierte Blick eines Journalisten, der mit Zeit Stück für Stück einen Eindruck gewinnt, kann uns oft all dem viel näher bringen, was weit oder nah entfernt von uns passiert.

Nicht lang bevor mein Vater starb, habe ich meine erste große Filmrolle in „Am Ende kommen Touristen“ gespielt. Als ich ihm vor den Dreharbeiten von der Geschichte erzählte, sagte er, skeptisch wie oft, er könne sich darunter keinen Film vorstellen. Kurz vor Kinostart schlich er dann, ohne dass ich es wusste, in die letzte Reihe einer Pressevorführung. „War stark“, sagte er so lakonisch, wie seine Texte oft waren. Das gefiel ihm, dass sein Sohn in einem Film mitspielt, der fast genauso leise war wie er selbst. Ohne, dass wir Zeit gehabt hätten, uns viel über unsere Arbeit auszutauschen, findet sein Wesen großen Widerhall in dem, was ich tue.

Denn abgesehen davon, wie er schrieb, fiel mir doch immer auf, was er eigentlich beschrieb. Und das ist auch im Spiel so wichtig. Ob unterbewusst oder bewusst, diese Frage nach dem Was ist von entscheidender Bedeutung, wenn man sich für das, was vor einem liegt oder steht, wirklich interessiert.

Und so hat mein Vater Menschen, Zusammenhänge und Welten von sich selbst erzählen lassen. Manchmal in der weiten Fremde, manchmal mit dem Rücken fest und sicher an der Lehne einer Bank.