Es soll um viel Geld gegangen sein bei dem gewaltsamen Tod des 43-jährigen Ali O. im Mai vorigen Jahres. Das Mitglied einer bekannten kurdisch-libanesischen Großfamilie war am Morgen des 17. Mai vor dem Haus seiner Lebensgefährtin in Britz mit einem Baseballschläger brutal niedergeschlagen und durch massive Schläge auf den Kopf getötet worden. Anschließend sollen die Täter den Mann nach einem Schuldschein durchsucht haben. Ohne Erfolg.

An diesem Donnerstag sitzt ein junger, hochaufgeschossener Mann auf der Anklagebank des Berliner Landgerichts. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 19-jährigen Ismail R. – auch er Mitglied eines libanesischen Familienclans – Mord aus Heimtücke vor. Ihm gegenüber hat der Bruder des getöteten Ali O. Platz genommen. Er ist Nebenkläger. Ebenso wie die drei kleinen Kinder des erschlagenen Mannes, die nicht anwesend sind und im Prozess von einem Anwalt vertreten werden.

Schläge auf den Kopf

Der Oberstaatsanwalt Ralph Knispel sagt in seiner Anklage, Ali O. habe am Morgen des Tattages zwei seiner Kinder zur Schule gebracht. Ismail R. und zwei weitere, bisher nicht identifizierte Männer sollen Tage zuvor den Entschluss gefasst haben, Ali O. zu töten. Angehörige des Angeklagten sollen Handys gekauft haben, mit denen sich die mutmaßlichen Täter am Tatmorgen abgesprochen hätten. Einer der Männer soll nach dem Opfer Ausschau gehalten haben und die beiden anderen per Mobiltelefon informiert haben. 13-mal seien die Täter in kürzester Zeit in Kontakt getreten.

Um 7.52 Uhr, so die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, wurde Ali O. vor dem Haus seiner Lebensgefährtin am Neumarkplan in Britz aufgelauert, von einem der beiden dort wartenden Täter von hinten niedergeknüppelt. Zu dieser Zeit habe Ali O. mit keinem Angriff rechnen können, sagt Knispel. Ali O. sei zu Boden gegangen. Einer der Männer habe dann weiter mit zahlreichen Schlägen auf den Kopf des Mannes eingeprügelt und Ali O. ihn schließlich getötet.

Zwar sei unklar, ob der Angeklagte die tödlichen Schläge ausgeführt habe, sagt Knispel. Doch seien die Angriffe „vom Willen des Angeklagten getragen und gewollt“ gewesen. Ismail R. habe die Tat zumindest abgesichert.

Beide Großfamilien polizeibekannt

Nach Überzeugung des Anklagevertreters durchsuchte Ismail R. nach der Tat die Hosentaschen von Ali O., um den Schuldschein über rund 130.000 Euro zu finden. Diese Summe soll Ali O. vor Jahren dem Vater des Angeklagten gewährt und nun zurückgefordert haben. Woher das Geld damals stammte, ist unklar. Laut Knispel ging Ali O. keiner versicherungspflichtigen Arbeit nach. Er bestätigt, dass Mitglieder beider Großfamilien polizeibekannt seien und sich nicht unbedingt gut verstünden. Es gebe aber bisher keine Beweise, dass die Großfamilienstrukturen „zielführend“ etwas mit der Tat zu tun hätten.

Möglicherweise hat die Tat auch etwas mit den Immobiliengeschäften der Familien zu tun. So soll die Familie des Angeklagten zu einem guten Preis zwei Grundstücke in Alt-Buckow vom Land Berlin erworben haben, sagt Knispel. Nicht ausgeschlossen, dass dies mit dem geliehenen Geld finanziert wurde. Unklar ist auch, inwieweit Beleidigungen des Opfers gegen die Familie von Ismail R. zu der Tat geführt haben könnten. Der Oberstaatsanwalt sagt, dass sich Ali O. auf Facebook zumindest herablassend über die Familie R. geäußert habe.

Ismail R. äußert sich nicht

Auf die Familie von Ismail R. kam die Polizei laut Oberstaatsanwalt durch den Hinweis eines Verbindungsmannes. Ismail R. habe schließlich nach einem richterlichen Beschluss eine Speichelprobe abgegeben. Seine DNA stimmte mit den Spuren überein, die die Fahnder in der Hosentasche des Erschlagenen gefunden hatten. Den Schuldschein trug Ali O. tatsächlich bei sich. Er wurde von Ermittlern in der Kleidung des Toten entdeckt.

Die Tatwaffe wurde bis heute nicht gefunden. Wie oft damit zugeschlagen wurde, konnten Gerichtsmediziner nicht ermitteln. „Der Schädel war derart massiv zertrümmert, wie man es nur von Unfallopfern kennt“, sagt Knispel. Er habe in den 27 Jahren als Staatsanwalt ein solches Opferbild selten gesehen.

Ismail R., der seit Oktober in Untersuchungshaft sitzt, hat sich bei den Ermittlungen nicht zu den Vorwürfen geäußert. Am nächsten Mittwoch hat die Jugendkammer Zeit für eine Einlassung eingeplant. Unklar ist, ob sich Ismail R. äußern wird. Verteidiger Sven Lindemann sagt, er halte in diesem langen und schwierigen Indizienprozess eine Verurteilung nach Aktenlage für eher schwierig. „Wir werden sehen, was von der Anklage übrig bleibt.“