Berlin - Das Experiment beginnt im Untergeschoss, am Zugang zur U 7, gleich hinter der Tür an der Treppe, die Besuchern sonst verschlossen bleibt. Nur Mitarbeiter des Karstadt-Kaufhauses am Hermannplatz dürfen diesen Bereich betreten. Hinter der Tür befindet sich ein fast 200 Meter langer Gang mit Heizungs- und Wasserrohren. Dort lagert auch die komplette Dekoration des Hauses: Verpackte Rentiere, Weihnachtsmänner, Weihnachtsbäume, Lichterketten, aufgereihte Schaufensterpuppen, eine ganze Armee, exakt aufgestellt, nackt und gesichtslos.

Seit ein paar Wochen haben die nackten Puppen Namen: Sie heißen Ulf, Christian, Sandra und Thomas und sie gehören als Requisite zum Theaterstück „Alice im Wunderland“. Die Berliner Theatergruppe MS Schrittmacher hat eine Neufassung der Geschichte über Alices Traumreise in eine Zauberwelt von Lewis Carroll aus dem Jahr 1863 geschrieben. Das Mädchen Alice ist nun eine Frau im Jetzt, ihr Wunderland ein Warenland. Alice will nur mal kurz shoppen. Nun steckt sie fest im Kaufhaus, gefangen in der Wunderwarenwelt. Derzeit proben die Künstler täglich am Hermannplatz, am 28. März ist Premiere.

Spektakel für die Kunden

Jede Figur aus dem Märchen verkörpert nun ein Mitarbeiter in der hierarchischen Berufswelt. Die Königin aus dem Original mutiert zur fiesen Geschäftsführerin, die kaltherzig ihre Mitarbeiter entlässt. Betriebsbedingte Kündigung. Alice ist entsetzt. Die Raupe berät sie als DOB-Stylistin. DOB? Das ist die Abkürzung für Damenoberbekleidung, sollte man wissen. Ein neurotischer Marketingchef liebkost im Keller seine Puppen. Ulf, Christian, Sandra und Thomas.

Vieles von diesem Spektakel können auch die Kaufhauskunden erleben, denn das Stück wird während der Öffnungszeiten aufgeführt. „Das muss sein“, sagt Martin Stiefermann. Seit zwei Jahren hat der Theaterregisseur, in dessen Produktionen es stets um Alltag, Großstadt und Gesellschaft geht, diese Idee im Kopf: Eine Alice-Inszenierung in einem Kaufhaus, wenn es geöffnet ist. Karstadt am Hermannplatz schien ihm am Besten geeignet, das Kaufhaus an der Grenze zwischen Kreuzberg und Neukölln. Stiefermann lebt in der Gegend. Er schrieb mit Kollegen das Märchen um, neue Passagen kamen hinzu. Karstadt unterstützte das Projekt. „Das Spannende ist, dass es neu ist“, sagt Schauwerbeleiter Knut Gehler. Ob das den Kunden gefällt? „Wir haben ein aufgeschlossenes Publikum“, sagt Gehler.

Schon nach ersten Gespräche stand fest: Die Künstlergruppe darf das ganze Haus bespielen, sieben Stockwerke, 34.000 Quadratmeter, welche Theatergruppe hat so was schon erlebt. Die Künstler können alle Räume betreten, sie tragen Mitarbeiterkarten um den Hals, kennen die Zahlencodes für die elektronischen Türschlösser. Schon nach den ersten Proben bewegen sich Schauspieler, Tänzer und Produzenten wie erfahrene Mitarbeiter in dem Gebäude. Und auch sie schauen nach günstigen Angeboten und nutzen die Rabatte.

Sie erleben das Kaufhaus von morgens bis abends, sie sehen, wie Mitarbeiter Ware auspreisen, aushängen, sortieren, Regale und Tische bestücken. Sie erkennen Kunden wieder, die täglich kommen: zum Einkaufen, zum Frühstück, zum Mittagessen. Manche schauen jetzt verwundert auf das Theatertreiben in den Gängen und zwischen den Regalen.

Die Theatertruppe okkupiert das Haus, die Tour beginnt im Dekokeller, im Lastenaufzug geht es über die Abteilungen bis hoch zur Dachterrasse. Die Schauspieler nutzen den Platz, die ganze Etage, sie tanzen, reden, schreien, sie rennen durch die Gänge, hocken sich in Einkaufswagen. Die Kaufhausdeko ist ihr Bühnenbild, sie spielen mit dem Inventar. Alles wird immer skurriler, absurder. Alice, die Heldin, verliert sich im Kaufrausch. Das Publikum folgt ihr. Und kommt wie sonst kein Kunde in den Backstage-Bereich.