Wenn man mit der U5 Richtung Hönow fährt, wird die Bahn immer leerer, je näher man dem Stadtrand kommt. Die Station Hellersdorf ist der vorvorletzte Halt auf der Strecke. Der U-Bahnhof liegt über der Erde, in einem Imbiss verkaufen zwei Männer Döner und Börek, orientalische Musik läuft, und wenn man auf der Treppe nach oben gegangen ist, steht man auf einer Riesenkreuzung. Hier befindet sich die Alice-Salomon-Hochschule. Der Platz davor ist am Morgen menschenleer.

Die Hochschule bildet Sozialarbeiter aus, Kindheitspädagogen, Pflegemanager, Physiotherapeuten, lauter wichtige Berufe, in denen oft Frauen arbeiten. Seit ein paar Jahren vergibt sie einen Poetik-Preis, einer der Ausgezeichneten ist der aus Bolivien stammende und in der Schweiz lebende Dichter Eugen Gomringer, Begründer der Konkreten Poesie, Schullektüre. Er ist 92 Jahre alt. Sein Gedicht „avenidas“ steht an der weiß verputzten Südfassade der Hochschule, riesig. Er hat es aus Dankbarkeit der Hochschule überlassen. Die damalige Rektorin entschied, es auf der Südfassade zur Geltung zu bringen. Fünf Jahre störte sich niemand daran. Jetzt soll es möglicherweise weg.

Frauen und ein Bewunderer

Der spanische Text lautet übersetzt: „Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer.“ Kaum zu glauben, dass dieses Gedicht Gegenstand einer hitzigen Debatte ist, aber Berlin ist grade mittendrin. Manche sprechen sogar von einem Kulturkampf.

Er nahm seinen Ausgang mit einem Offenen Brief von im Asta organisierten Studenten an die Hochschule im vergangenen Jahr. Sie beziehen sich darin auf das Gedicht, die U-Bahn-Station und den Platz vor der Hochschule. Frauen fühlten sich hier oft unwohl, denn Station und Platz seien vor allem zu späterer Stunde sehr männlich dominiert.

„Dieses Gedicht dabei anzuschauen, wirkt wie eine Farce und eine Erinnerung daran, dass objektivierende und potentiell übergriffige und sexualisierende Blicke überall sein können.“ Es reproduziere eine patriarchalische Kunsttradition. Es folgte ein Antrag an das Parlament der Hochschule, das Gedicht zu entfernen. Das Parlament entschied sich mit knapper Mehrheit für einen Ideenwettbewerb zur Gestaltung der Fassade. Er läuft noch. Und dabei könnte übrigens auch herauskommen, dass das Gedicht bleibt.

Maulkorb für die Kunst?

Eine Debatte zum Thema Gender an einer Hochschule sorgt nicht zum ersten Mal für Aufregung weit über ihr Umfeld hinaus. Vielleicht liegt das daran, dass Hochschulen als Zukunftslabor gelten, dass hier die Gesellschaft von morgen ausgebildet wird. Das Pen-Zentrum in Darmstadt wurde jedenfalls aufmerksam und spricht von einem Maulkorb für die Kunst, von Zensur und Bilderstürmerei. Harte Worte.

Der Ehrenpräsident Christoph Hein wandte sich direkt an den Hochschul-Rektor. „Er hat den Studierenden etwas von Erziehung und Bildung zu vermitteln und nicht deren unerzogene Unbildung zu respektieren.“ Das Haus für Poesie, Partner der Hochschule bei der Preisvergabe, kündigte an, für eine Kooperation nicht mehr zur Verfügung zu stehen, würde das Gedicht entfernt.

Ein demokratischer Prozess

Diese Woche meldete sich die Alice-Salomon-Hochschule zu Wort. Die Prorektorin Bettina Völter veröffentlichte in deren Namen eine fünf eng beschriebene Seiten lange Erklärung. Man merkt: Die Hochschule leidet unter der Debatte, die nicht nur in der Öffentlichkeit geführt wird. Von hasserfüllten verbalen Angriffen und Beschämungsversuchen wird berichtet. Völter verteidigt die Entscheidung für den Ideenwettbewerb, schließlich sei das ein demokratischer Prozess.

In welche Richtung sie in dem Streit tendiert, kann man vielleicht folgendem Zitat entnehmen: „Muss gerade an der Hauswand einer Hochschule mit dem Anliegen der Professionalisierung von Frauenberufen (...) genau dieses Gedicht stehen, in dem Frauen als Gruppe und nicht als Individuen skizziert werden und keine Handlung zugeschrieben bekommen?“ Das Gedicht werde einerseits als schön, andererseits als unangenehm, empfunden, schreibt Völter.

„Einander kennenlernen“

Als unangenehm empfinden es die Unterzeichner des Asta- Briefs. Sie haben diese Woche ebenfalls eine Stellungnahme veröffentlicht: Sie wüssten nicht genau, wie der Dichter das Gedicht gemeint habe, aber irgendwie gebe es ihnen ein komisches Bauchgefühl. „Kunst war immer Geschmackssache und diese trifft nicht unseren Geschmack.“ Bauchgefühl, Geschmack. Hier liegt wohl das erste Missverständnis. Kunst hat nicht die Aufgabe, nur schön und angenehm zu sein. Sie soll auch provozieren, Denkanstöße geben, unbequem oder unangenehm sein.

Und dass es sich hier nur um eine Geschmacksache handelt, stimmt einfach nicht. In seinem Antrag hat der Studentenausschuss Kriterien aufgestellt, dem Vorschläge für die neue Fassadengestaltung genügen müssen: „Das eingereichte Werk darf in keiner Hinsicht diskriminierend sein. Sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassisistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert.“ So klingt es, wenn alle Formen von Benachteiligung auf einmal in den Blick genommen werden. Das Ziel ist die totale Anständigkeit. Welches Gedicht könnte dieser Art von Überwachung standhalten, zumal schon Assoziationen genügen, um es unter Diskriminierungsverdacht zu stellen?

Am Sonnabend findet übrigens unter dem Motto „Einander kennenlernen“ auf dem Alice-Salomon-Platz vor der Hochschule das Fest für Demokratie statt.