Alkohol ist die wahre Willkommenskultur der deutschen Mehrheitstrinkgesellschaft

Alkohol lässt Erwachsene um Tische tanzen und Jugendliche Dinge tun, die sie nüchtern eher nicht getan hätten. Wer das nicht wahrhaben will, werfe den ersten Böller.

Von B nach C, Ostbesuch, 263 km
Von B nach C, Ostbesuch, 263 kmBerliner Zeitung/Pajović/Amini

Wenn ich zurück an den Anfang meiner Alkoholbiografie gehe, sozusagen der Flasche auf den Grund, dann sehe ich kein Glas, sondern einen mit Schokolade glasierten Waffelboden. Der in einen Schokowaffelbecher eingeschenkte Eierlikör war meine Einstiegsdroge. Verabreicht wurde sie von meinen Eltern, „aber, haha, nur ein Schlückchen“, da war ich neun oder zwölf, keine Ahnung, jedenfalls zu jung für Alkohol, würde ich heute sagen.

Damals empfand ich den süßlich cremigen und gleichzeitig bitterscharfen Eierlikör als verflüssigtes Aufnahmeritual in die vor allem am Abend verboten flackernde Erwachsenenwelt. Dort wurde es mit jedem Schlückchen und Stößchen und Prösterchen so lustig und überschwänglich laut, dass ich immer länger und länger wachbleiben wollte, um bloß nichts zu verpassen am Tisch, wo die Gäste saßen, bald sangen, irgendwann die Stühle zur Seite schoben, das Wohnzimmer zur Tanzfläche machten, eine mir unerklärliche Verwandlung vollzogen, als hätte sie ein Soundtrack der Sorglosigkeit gepackt. „Lambada“ war damals der Hit der Stunde. Und an den Alkoholgeschmack würde ich mich schon noch gewöhnen.

Seitdem ich in Chemnitz wohne und hier einkaufe, habe ich regelmäßig Blickkontakt mit diesen bauchigen, farbig verstopften Flaschen und ihren keck aus der Wortspielhölle grüßenden Etiketten: „Bratapfel Pitt“, „Hazel Hoff“, „Caramella Versalzce“, „Son of a Peach“ oder – mein aktueller Favorit – „Eggs Presso“. Das sind alles Produkte der Firma ­– „örz“ steht korrekt auf Sächsisch ausgesprochen für Erzgebirge – Eierlikörz. Und gleichsam sind es Versuche, den nach Omas unterm Arm schmeckenden Eierlikör, dieses Echo der Kindheit, aus der Nische an die Oberfläche zu zerren. Aus Gelsenkirchener Barock und Udo „Likörelle“ Lindenberg ist ein Homemade-Happening mit sattem Schmelz geworden, auf dass die deutsche Mehrheitstrinkgesellschaft niemals ausstirbt.

Oder wie kommt man auf die Idee, Hunde zu Silvester mit Eierlikör zu beruhigen?

Neulich an der Supermarktkasse und schon wieder late to the party dachte ich an die Bilder aus der Silvesternacht, die hier in Sachsen als weiterer Beleg für die „Berliner Verhältnisse“ herhalten müssen. Ich dachte, dass in der anschließend entflammten Debatte über gescheiterte - was heißt das eigentlich? - Integration oder gescheiterte - gab es die jemals wirklich? - Integrationspolitik das Hochprozentige vergessen wird: der Alkohol, der nicht nur Erwachsene um Tische tanzen, sondern auch Jugendliche Dinge tun lässt, die sie im nüchternen Zustand eher nicht tun würden; der als Droge verharmlost wird, einfach dazugehört, wie ein Staffelstab von Generation zu Generation weitergereicht wird, „aber, haha, nur ein Schlückchen“; der zur hiesigen Willkommenskultur zählt, deutsche Verhältnisse abbildet – oder wie kommt man auf die Idee, Hunde am Silvesterabend mit Eierlikör zu beruhigen, wie es zuletzt ein Tierarzt empfahl? Wer das nicht wahrhaben will, der werfe den ersten Böller.

Das Allerdümmste, was ich in meinem Leben je getan habe, war die Sache mit dem Chinakracher und der Sektflasche, die ich vorher geleert hatte. Ich war sechzehn, kurz nach Mitternacht machte es boom. Die Scherben flogen an die Hausfassaden, nur die umherstehenden Menschen trafen sie wie durch ein mittelgroßes Wunder nicht. Ich kam mit dem Schrecken davon und bilde mir seitdem ein, meine Trinkgrenzen zu kennen. Irgendwo dahinter liegt ein „Bratapfel Pitt“.


In der Kolumne „Ostbesuch“ berichtet Paul Linke alle zwei Wochen aus seinem Zwischenleben in Chemnitz und Umgebung. Sachsen sucks? Von wegen!