Alkohol, Medikamente, Drogen: Mindestens 1100 Mediziner in Berlin leiden unter einer Suchterkrankung

Ärzte stehen unter Stress. Lange Dienste in der Klinik, Streben nach Perfektion, Zeitdruck, die Last schwerwiegender Entscheidungen, bei niedergelassenen Ärzten die Belastung mit der Führung eines Unternehmens, der Praxis. Gleichzeitig fehlt Zeit für Entspannung. Etliche Mediziner suchen deshalb ihr Heil in Drogen. Mindestens 1100 der 22.073 praktizierenden Ärzte in Berlin sind laut Ärztekammer süchtig. Deshalb hat die Kammer jetzt ein Programm gestartet, um ihnen und damit ihren Patienten zu helfen. Denn ein Arzt unter Drogen kann zur Gefahr für diejenigen werden, die seine Hilfe suchen.

„Unter Akademikern sind die Ärzte die Gruppe mit den meisten Abhängigen“, sagt Thomas Reuter, Suchtbeauftragter der Ärztekammer Berlin und Leiter der Entzugsabteilung im DRK-Krankenhaus Drontheimer Straße. Deshalb sind die 1100 Fälle, die aus verschiedenen Studien ermittelt wurden, eher niedrig gegriffen, die Dunkelziffer bei Ärzten ist laut Ärztekammer deutlich größer als bei anderen Bevölkerungsgruppen.

Ärzte haben leicht Zugang zu Medikamenten, die zum Beispiel Benzodiazepine oder Opiate enthalten, nutzen aber auch Alkohol, Kokain oder Haschisch. Je nachdem, ob sie sich beruhigen oder aufputschen wollen.

„Der koksende Star-Chirurg ist eine Chimäre“

Nach einer Studie der Bundesärztekammer sind 60 Prozent der Betroffenen Alkoholiker, 23 Prozent betreiben Medikamentenmissbrauch und 17 Prozent nehmen illegale Drogen. 20 Prozent sind von mehreren Substanzen abhängig. Durch ihre Ausbildung kennen sich die Ärzte mit Dosierungen und Wirkungen aus, können deshalb ihre Sucht länger geheim halten.

„Bei Ärzten als Patienten ist die Scham stärker ausgeprägt und die Hemmung, sich überhaupt helfen zu lassen, größer als bei anderen Patienten“, sagt die Oberärztin Monika Trendelenburg, die als Psychiaterin im Vivantes-Klinikum Neukölln Abhängige behandelt. Ärztinnen und Ärzte seien gleichermaßen betroffen, alle Altersgruppen und Fachrichtungen: „Der koksende Star-Chirurg ist eine Chimäre.“

Reaktionen ertappter Ärzte ähneln sich

Die Hemmung, sich helfen zu lassen, hat aber nicht nur mit Scham, sondern auch mit Existenzängsten zu tun: Einem abhängigen Arzt droht der Entzug der Approbation durch das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Das ist allerdings in den letzten zehn Jahren nur einmal geschehen.

Das Programm der Kammer folgt Vorbildern wie der Ärztekammer Hamburg, die seit 25 Jahren ähnlich vorgeht. Es sieht vor: Ein Arzt, der selber Hilfe sucht oder als süchtig enttarnt wurde, bekommt einen von fünf Paten an die Seite gestellt, die über zwei Jahre die Behandlung begleiten und kontrollieren. Darunter sind auch Reuter und Trendelenburg. Das Lageso wird informiert, und im Benehmen mit ihm wird entschieden, ob der Patient während des Entzugs und der Therapie weiterarbeiten darf oder seinen Beruf zeitweilig ruhen lassen muss.

Einfach wird die Umsetzung nicht. Klaus Beelmann von der Ärztekammer Hamburg berichtete im ZDF-Magazin WISO über die Reaktion ertappter Ärzte, die vorgeladen wurden: „Die Regel ist, dass wir auf Widerstand stoßen, auf Verleugnung und Abwehr bis hin zu aggressivem Verhalten.“