Berlin - Das Glas ist wieder halbvoll. Mindestens. Nach Monaten des Verzichts treffen sich die Berliner wieder in Restaurants, Bars oder Parks, genießen ihren Feierabenddrink. Die Frage ist lediglich: Was kommt in diesem Sommer ins Glas? Alkohol? Oder doch eher alkoholfrei? Zwei Berliner Manufakturen, die in ihrer Produktausrichtung unterschiedlicher nicht sein könnten, klären über das aktuelle Trinkbewusstsein ihrer Kunden auf.

Die Manufaktur Mampe wurde 1831 gegründet, ist damit Berlins ältester Spirituosenhersteller. Tom Inden-Lohmar, 58, ist Geschäftsführer und konzentriert sich mit seinem Produktionsleiter Danny Krüger, 31, während der Pandemie weiterhin auf die eigenen Wurzeln: Bitterliköre, Gin und Schnaps.

Die gesellschaftliche Bewegung des „Mindful Drinking“ dagegen hat Alexander Meister, 32, Nicolas van de Sandt, 36, und Milan Esser, 31, inspiriert. Seit der Corona-Krise setzen die beiden ehemaligen BWL-Studenten und der Lebensmitteltechnologe mit ihrer Marke Easip auf alkoholfreie Destillate. Diese sollen nicht nur schmecken, sondern auch für ein bewussteres Trinkverhalten stehen, mit geringem oder gar keinem Alkoholanteil.

Kann ein alkoholfreies Destillat geschmacklich an einen Drink mit Alkohol herankommen? Ist ein Preis von über 20 Euro für eine Flasche ohne Alkohol gerechtfertigt? Und wo steht die Gesellschaft in Sachen Alkohol? In der Manufaktur von Mampe im Bergmannkiez diskutierten Easip und Mampe darüber in einem offenen Gespräch.

Herr Inden-Lohmar, viele jüngere Menschen entscheiden sich mittlerweile für einen bewussteren Lebensstil. Wie passt Alkohol da rein?

Inden-Lohmar: Grundsätzlich muss man sagen, dass der Alkoholmarkt seit Jahrzehnten stagniert. Der Pro-Kopf-Verbrauch sinkt, seitdem ich mich beruflich mit Alkohol beschäftige. Es finden in der Regel nur noch Verschiebungen innerhalb des Marktes statt, beispielweise wenn die eine Spirituose der anderen Spirituose Marktanteile abnimmt. Der Trend zu den alkoholfreien Destillaten ist, glaube ich, eine Generationenfrage. Ein Beispiel: Wenn wir vor 10 Jahren Promotion-Personal gesucht haben, kamen wir nicht auf die Idee, beim Vorstellungsgespräch zu fragen, ob es überhaupt Alkohol trinkt. Es war eher die Ausnahme, dass jemand keinen Alkohol getrunken hat. Heute sehen wir: Ein großer Prozentsatz der jüngeren Leute, die sich für Promotion bei uns bewerben, trinkt keinen oder ganz wenig Alkohol. Ich glaube, dass das alkoholfreie Bewusstsein eher in dieser Zielgruppe stattfindet als dass wir den 56-jährigen Weinliebhaber bekehren.

Herr Meister, an welchem Punkt steht die Gesellschaft in Sachen Alkohol aus Ihrer Sicht? 

Meister: Wir beobachten ohne Frage die Entwicklung einer neuen Trinkkultur. In Berlin gibt es bereits die erste alkoholfreie Bar, immer mehr andere Bars setzen alkoholfreie Drinks auf ihre Karte. Das alkoholische Trinken wird aber nicht komplett ersetzt werden durch alkoholfreie Drinks. Es wird zwar immer Leute geben, die sagen, wir wollen den Alkohol im Getränk haben, aber auch zunehmend solche, die auf Alkohol, aber nicht auf einen guten Drink verzichten wollen. Unsere Trinkkultur wird vielfältiger und alkoholfreie Destillate sind dabei, einen festen Platz zu finden.

Die besten Abende hat man in der Wahrnehmung doch meist, wenn man leicht alkoholisiert ist. Funktionieren solche Abende ohne Alkohol?

Meister: Nach unserer Auffassung: ja. Wir verteufeln Alkohol nicht. Das ist immer eine persönliche Entscheidung. Es sollte sich einbürgern, dass man sagen kann: Ich habe meinen Spaß, egal ob ich Alkohol trinke oder nicht. Viel wichtiger ist doch, dass man sich einen guten Drink mixen kann, der dem alkoholhaltigen in nichts nachsteht.

Alkohol ist ja nicht nur der Faktor, der den Abend lustig macht, sondern auch ein wichtiger Geschmacksträger.

Tom Inden-Lohmar

Inden-Lohmar: Wir haben mit der Humboldt-Universität eine Untersuchung zu alkoholfreien Destillaten gemacht, um herauszufinden, ob und wie sich diese überhaupt qualitativ hochwertig produzieren lassen. Denn uns stellte sich die Frage, wie man den Geschmack in ein solches Produkt bekommt. Alkohol ist ja nicht nur der Faktor, der den Abend lustig macht, sondern auch ein wichtiger Geschmacksträger.

Wie bekommt man das gut hin?

Esser: Es ist ähnlich wie bei alkoholfreiem Bier. Die Schwierigkeit ist, ohne Alkohol ein intensives und komplexes Getränk herzustellen. Bei alkoholfreien Destillaten hat man verschiedene Verfahren, die man je nach Kraut, Gewürz oder Pflanzenbestandsteil an den Prozess anpassen muss. Thymian hat andere Eigenschaften als Zitrone oder Gurke. Wir arbeiten mit verschiedenen Prozessparametern und stimmen sie auf das jeweilige Destillat ab.

Inden-Lohmar: Wir Spirituosenhersteller haben den Vorteil, dass wir mit Alkohol als Geschmacksträger alle Botanicals und Ingredienzien verwenden können, die Geschmack abgeben. Bei Easip ist die Problematik, dass man schauen muss, dass der Geschmack nicht verloren geht. Wir müssen eher gucken, dass wir nicht überdrehen.

Ist Ihre größte Herausforderung demnach die Geschmacksintensität herzustellen, Herr Esser?

Esser: Die Intensität ist ein wichtiger Punkt, aber auch die Abstimmung der einzelnen Komponenten. Man kann bei gewissen Geschmacksrichtungen auch bei alkoholfreien Destillaten über den Geschmack hinausschießen. Es kann zu scharf sein oder zu seifig schmecken.

Inden-Lohmar: Es ist auch eine Frage des Anspruchs, wie ich an das Produkt herangehe. Die drei haben sich selbst ein Qualitätsversprechen auferlegt, das besagt, bei uns gibt es dies nicht und das nicht. Bei Spirituosen ist im Zweifelsfall die Notlösung immer Zucker, wenn der Geschmack nicht so richtig zündet.

Warum muss ein alkoholfreies Destillat über 20 Euro kosten, wenn doch gar kein Alkohol enthalten ist?

Meister: Der Produktionsprozess ist aufwendig. Wir gehen nicht den einfachen Weg und nehmen günstiges Wacholderaroma, packen ein bisschen Zucker dazu und schon schmeckt es wie ein Gin. Wir wollen dieses Destillationshandwerk leben und die Produkte ähnlich zu denen mit Alkohol herstellen, damit man ein Premiumprodukt hat, das einem bestimmten Anspruch entspricht. Unsere Kunden legen Wert darauf, dass es nicht gesüßt ist und keine künstlichen Aromastoffe enthalten sind. Das bedeutet eben Arbeit.

Wir wollen dieses Destillationshandwerk leben und die Produkte ähnlich zu denen mit Alkohol herstellen, damit man ein Premiumprodukt hat. 

Alexander Meister

Inden-Lohmar: Vor sieben, acht Jahren hätte es dafür überhaupt keine Marktberechtigung gegeben, weil die Spirituosen nicht mehr als 13, 14 Euro kosten durften – abgesehen von einem Rum oder Whiskey auf Premiumbasis vielleicht. Damals war die Benchmark: Es soll möglichst wenig nach Alkohol schmecken, und es darf nicht viel kosten. Daher hat man versucht, den Alkoholgeschmack zu minimieren, aber die Wirkung möglichst zu erhalten. Heute muss es am besten richtig nach Alkohol schmecken oder gar nicht.

Wie häufig müssen Sie sich für den Preis für ein alkoholfreies Destillat rechtfertigen?

Van de Sandt: Wir verkaufen unsere Destillate öfter auf dem Wochenmarkt. Da merken wir, dass die Leute unsere Produkte relativ schnell verstehen. Wenn es ihnen schmeckt, ist der Preis kein großes Problem mehr.

Wohin wird sich die Preisspirale bei alkoholfreien Destillaten entwickeln?

Inden-Lohmar: Es treten mehr und mehr die großen Spirituosenbrands in den Markt ein. Die Preisspirale dürfte sich bei mehr Marktteilnehmern deshalb nach unten drehen. Die Range könnte dann bei 7,99 Euro beginnen und bei 30 Euro enden.

 Volkmar Otto
Milan Esser, Alexander Meister, Nicolas van de Sandt von Easip und Tom Inden-Lohmar und Danny Krüger von Mampe.


Welche Drinks lassen sich am besten aus alkoholfreien Destillaten machen?

Meister: Als einfachen Signature-Drink kann man ganz klassisch unseren Fields mit Tonic als Fields & Tonic mixen. Mit Ingwer und Limette funktioniert er auch super als Moscow Mule. Man kann den Fields auch mit alkoholfreiem Rotwein und San Bitter mixen, dann hat man einen eigenen Drink, der sich zwischen einem Negroni und dem reinen Geschmack von einem Wermut einpendelt. Unser Woods schmeckt malzig und eichenholzig und eignet sich gut für eine alkoholfreie Alternative eines Whiskey Sour.

Herr Inden-Lohmar, kann ein Drink mit einem alkoholfreien Destillat so gut schmecken wie ein alkoholischer Drink?

Inden-Lohmar: Ich glaube, dass auch ohne Alkohol geschmacklich ein guter und wertiger Drink hinzukriegen ist. Aber wenn ich mich an meine legendären Abende erinnere, gibt es nicht so viele, wo gar kein Alkohol im Spiel war. Deshalb würde es mir keinen Spaß machen.

Was bewundern Sie jeweils an der Marke des anderen?

Meister: Das traditionelle Handwerk und das Verwurzelte in Berlin.

Inden-Lohmar: Den Mut zu Gründung und dass bei allem, was Easip macht, die Qualität im Vordergrund steht.

Bei welcher Sache des anderen sind Sie froh, dass Sie sich nicht damit auseinandersetzen müssen?

Meister: Die Auseinandersetzung mit den Zollbestimmungen. Die haben wir im alkoholfreien Bereich nicht.

Inden-Lohmar: Dass wir uns nicht damit beschäftigen müssen, wie wir grundsätzlich Geschmack erzeugen können. Das wäre mir zu filigran.

Krüger: Dadurch, dass der Alkohol fehlt, ist das Produkt auch anfälliger für Bakterien. Spirituosen und Bier sind durch den Alkohol gut geschützt.

Lebensmittelsicherheit ist also für Sie noch mal ein besonderes Thema?

Esser: Ja. Unsere Produkte sind ab Produktion mindestens zwölf Monate haltbar.

Krüger: Spirituosen verderben nicht. Die kann man auch nach 20 bis 30 Jahren noch trinken. Für die Gesundheit gefährlich ist das nicht.

Inden-Lohmar: Nur wie es schmeckt, ist die Frage.

Herr Inden-Lohmar, Mampe gibt es seit 1831. Passt in ein Unternehmen mit einer solchen Tradition künftig die Herstellung eines alkoholfreien Produkts?

Inden-Lohmar: Unsere Philosophie lautet, dass wir uns unter der Marke Mampe nur mit Produkten beschäftigen, die schon mal im Portfolio von Mampe waren oder die einen sehr engen Bezug zu unserer Heimat Berlin haben. Bei einer Recherche für unser erstes digitales Event vor vielen Monaten bin ich über eine amerikanische Ebay-Plattform auf eine historische Mampe-Flasche mit alkoholfreiem Kümmel gestoßen. Vor etwa 100 Jahren hatten wir also schon mal solch ein Produkt, das wir während der Prohibition für den amerikanischen Markt hergestellt haben. Dementsprechend können wir darüber nachdenken, ein alkoholfreies Destillat herzustellen, ohne dass jemand unsere Philosophie anzweifelt. Ich würde sagen, die Chancen stehen 50 zu 50. Wir würden es nur tun, wenn es ein Produkt wäre, das auch pur schmeckt.

Herr Meister, glauben Sie, dass Sie sich so eine lange Tradition wie Mampe aufbauen können?

Meister: Wenn sich das Thema alkoholfreies Trinken weiter festigt, mehr in den Bars und zu Hause in den Homebars präsent ist, dann sind da keine Grenzen gesetzt.