Berlin - Es gibt ein merkwürdiges Phänomen: Gefühlt nimmt der Alkoholkonsum Jugendlicher in Berlin beständig zu. Die abrufbaren Zahlen allerdings weisen auf das Gegenteil hin. Dem Versuch des künftig rot-schwarz regierten Senats, dem Problem mit dem generellen Verbot des Alkohol-Verkaufs an unter 18-Jährige beizukommen, sagen zumindest Praktiker ein Scheitern voraus. „Das ist ein Schnellschuss, der nichts bringt“, meint etwa Inga Bensieck von der Fachstelle für Suchtprävention.

Bensieck verweist gar auf eine „sehr gute Entwicklung“ in den vergangenen Jahren. So sei der regelmäßige Alkoholkonsum bei Jugendlichen seit 2006 rückläufig. „Es wird weniger und bezogen auf das Einstiegsalter später getrunken.“ Auch die Zahl der von der Polizei aufgegriffenen volltrunkenen Jugendlichen sei seit Jahren rückläufig.

Zu wenig Kontrollen

Dieser Befund deckt sich mit den Einzelergebnissen der kürzlich veröffentlichten Studie des Kriminologen Christian Pfeiffer. Danach liegen die Berliner Neuntklässler (Altersgruppe zwischen 13 und 15 Jahren) beim problematischen Alkoholkonsum sogar unter dem Bundesdurchschnitt. In Berlin trinken danach 11,9 Prozent der Jugendlichen ein Mal pro Woche Alkohol. Bundesweit wären es 23 Prozent. Nur beim Cannabiskonsum (6,7 Prozent) liegen die Berliner vorn. Und das, obwohl dessen Verkauf überall verboten ist.

Jörg Kreutziger hat fast täglich mit Jugendlichen zu tun, die mit einer Alkoholvergiftung in einer Klinik gelandet sind. Er ist einer von vier Sozialpädagogen des Projektes HALT, das sich um Teens unter 16 Jahren kümmert, deren Alkoholkonsum riskante Ausmaße angenommen hat. „Ich wüsste keinen Jugendlichen der nicht an Alkohol rankommt, wenn er es will“, sagt Kreutziger.

Den Nutzen eines ausgeweiteten Verkaufsverbotes hält er deshalb für zweifelhaft. Die von ihm betreute Klientel, manche sind erst zwölf Jahre alt, dürfte auch jetzt schon nichts bekommen. Nach dem geltenden bundesweiten Jugendschutzgesetz ist der Verkauf von Bier, Wein und Mischgetränken erst an über 16-Jährige erlaubt. Hochprozentige Spirituosen dürfen nur an Volljährige abgegeben werden.