Berlin - Schafft zwei, drei, viele Demonstrationsherde, forderten die „Querdenker“-Führer ihre Gefolgschaft auf, und die Herden gehorchten: Mal gab es in Charlottenburg einen Auflauf, mal am Brandenburger Tor. Zusammenstöße hier und da. Berliner lachten die queren Denker (m/w/d) an vielen Orten aus.

Die Avantgarde einer 16-Prozent-Minderheit von Corona-Leugnern und Maßnahmenkritikern tat, was Gerichte erwartet hatten: Sie ignorierten bewusst die Hygieneauflagen. Niemand trug Maske. Alle unvermummt! Selbst die Ultralinken, die bei anderen Gelegenheiten ihre schwarzen Klamotten durch ebensolche Gesichtsbedeckung ergänzen, zeigten Gesicht. Alles in allem: kein Riesendrama elf Monate nach dem Sturm der Reichstagstreppe.

Und doch stellte sich ein merkwürdiges Gefühl ein: Was war mit den Teilnehmern der CSD-Parade am Wochenende zuvor? Unter dem Transparent „Dekadenz in Permanenz“ marschierten ebenso wenige Maskenmenschen wie an diesem Sonntag Kritiker der „Corona-Diktatur“ unter der blauen Fahne mit weißer Friedenstaube.

Der Eindruck entsteht, dass mit zweierlei Maß gemessen wurde. Gerichte untersagten die „Querdenker“-Demos, weil sie Leben und körperliche Unversehrtheit angesichts der hochansteckenden Delta-Variante höher einstuften als die Versammlungsfreiheit. Warum galt das für die heitere Straßenparty nicht?

Die CSD-Partygänger im Freiluftbereich, deren Masken im Lauf des Tages wie Blätter im Herbst fielen, stoßen doch ebensolche Aerosole aus wie die Freiheitsfreaks der „Querdenker“-Welt. Das ist Wissenschaft. Nach diesem Wochenende muss man sagen: Vor dem Gesetz sind nicht alle Aerosole gleich. Es reicht schon der Hauch eines solchen Verdachtes und die Grundfesten der Demokratie zittern.