BerlinSchon das Sommersemester war für alle Studenten und Dozenten überaus strapaziös und bildschirm-lastig. Für das deutlich längere Wintersemester war eigentlich geplant, so viel Präsenzlehre wie möglich durchzuführen. Doch durch die zweite Corona-Welle wurde im Laufe des Oktobers immer klarer, dass auch im November Präsenzveranstaltungen kein Thema sein werden – und vielleicht gilt auch für den gesamten Rest des Wintersemesters. Der Berliner Senat hat zwar Ausnahmemöglichkeiten für nicht-digitalisierbare Praxisformate eingeräumt, in der Regel wird jedoch per Laptop von zuhause gelehrt und gelernt.

Was bedeutet dieser nie da gewesene Zustand für die Berliner Studenten? Und für ihre Familien? Wie gehen sie damit um? Die Mutter eines neunzehnjährigen, der gerade sein Studium aufgenommen hat, sagt: „Es ist so schwer anzusehen, mit wie wenig Freude das erste Semester so begonnen hat: Die Immatrikulationsfeier am Bildschirm! Die Lustlosigkeit, sich in das neue Abenteuer Studium zu stürzen! Die Traurigkeit hinsichtlich der Bildung von neuen Freundschaften in einer neuen Stadt! Alles mit Zoom.“

Phillip zum Beispiel. Er begann dieses Sommersemester seinen Bachelorstudiengang Chemie an der FU Berlin und hat bis jetzt niemanden in seinem Studium persönlich kennengelernt. „Bis auf ein Praktikum war alles online, darunter leidet auch die Motivation, sich intensiv mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Die meisten Klausuren sind dadurch, dass sie online stattfinden, viel einfacher geworden. Man kann alles nachschlagen und besteht problemlos. Aber das sorgt dafür, dass man deutlich weniger lernt.“

Wichtig war für Phillip, dass die Vorlesungen dieses Semester zumindest nicht mehr aufgezeichnet und hochgeladen werden, sondern zu festen Zeiten stattfinden. So muss man morgens für die Seminare und Vorlesungen aufstehen und hat einen strukturierteren Tag. Wegen der leichten Klausuren hatte er aufgehört, sich die einzelnen aufgezeichneten Vorlesungen anzusehen. „Jetzt kann man auch Fragen stellen und ist live dabei, das ist besser… Aber das Gefühl, dass man studiert, hat man trotzdem nicht,“ sagt Phillip.

Ismael hat noch das gesamte Sommersemester dieses Jahres Politikwissenschaften an der FU Berlin studiert, beginnt nun seinen Master und bezieht BAföG. Er sieht das Versprechen der Bundesbildungsministerin Karliczek, dass für BAföG beziehende Studierende aus der Pandemie keine Nachteile erwachsen sollen, als weitgehend eingelöst an. Zwar gebe es Fälle, in denen schwer nachzuweisen sei, dass die fehlenden Leistungspunkte auf Grund der Pandemie nicht erbracht werden konnten.

Sorgen macht er sich aber vor allem um seine Kommilitonen  die sich über Nebenjobs finanzieren müssen. „Ich komme halbwegs glimpflich davon, da mein Job krisensicher und im Homeoffice möglich ist. Aber was ist mit den Studenten, die in der Gastronomie arbeiten?" Mit dem Schließen der Cafés und Restaurants fallen viele typische Studentenjobs weg. Alle, die sich mit solchen Jobs in Berlin über Wasser halten müssen, stehen nun vor finanziellen Problemen, was auch die stark erhöhte Anzahl aufgenommener Studienkredite belegt.

Auf seine finanzielle Situation blickt Ismael mit einer gewissen Zuversicht, macht sich aber Sorgen darüber, wie sich der fehlende Kontakt zu anderen jungen Menschen auf ihn auswirken wird. „Drinnen kann ich aus Gründen des Infektionsrisikos keine Leute treffen, draußen wird es bald zu kalt sein!“

Lina war am Sonntag, bevor die neuen Schutzmaßnahmen in Kraft traten, bei der ersten und einzigen gemeinsamen Veranstaltung der Studierenden des ersten Fachsemesters ihres Studiengangs Angewandte Literaturwissenschaft – Gegenwartsliteratur, natürlich mit Abstand und Maske. Sie fasst ihre Erfahrungen so zusammen: „Man wird sich dann schon seiner privilegierten Rolle als Berlinerin mit einem Netzwerk und einer Familie hier bewusst, wenn man die Studierenden kennenlernt, die aus anderen Städten hergezogen sind und hier jetzt niemanden haben.“

Man wird sich dann schon seiner privilegierten Rolle als Berlinerin mit einem Netzwerk und einer Familie hier bewusst, wenn man die Studierenden kennenlernt, die aus anderen Städten hergezogen sind und hier jetzt niemanden haben.

Lina, Studentin im ersten Semester

Waren die „Erstis“ des letzten Wintersemesters noch in der Lage, schnell Kontakte in der Uni zu knüpfen und das Berliner Angebot an Kneipen, Bars und Klubs zu erkunden, sind die Erstis 2020 in einer sozial isolierten Situation. Kein Tangokurs an der Uni, kein Zusammensitzen in der Mensa, kein Gelächter bei Bibliotheksführungen und Kennenlernspielen.

Was im letzten Semester vielen Studierenden Probleme bereitete, fällt auch Lina schwer: Nur noch im WG-Zimmer zu studieren. Dennoch blickt Lina optimistisch in die Zukunft. „Es geht im Moment nicht anders und wir machen das Beste daraus! Zum Glück gibt es Professoren und Dozenten, die sich rührend um uns kümmern.“

Luisa (Name geändert) ist Medizinstudentin an der Charité im zehnten Semester, gibt selbst Tutorien, wie sie es auch schon vor der Pandemie tat. Beim Unterrichten fällt ihr folgendes auf: Auch wenn sie sich große Mühe gibt, kann sie nur schwer beurteilen, ob die Zuhörer ihr folgen können. Sie registrierte im Präsenzformat viel eher Kopfnicken und ähnliche kleinere Anzeichen, dass Inhalte verstanden wurden. Auch werden online in der Regel viel weniger Fragen gestellt. Und sie selbst hat – wenn sie dem Online-Unterricht anderer zuhört – das Gefühl, viel schlechter folgen zu können. Sie sieht allerdings auch einen Vorteil: Dass die Diskussionskultur durch die Digitalisierung etwas zivilisierter ist: „Die Mikrophone schalten die Teilnehmer aus – nur die Leute, die ich drangenommen habe, sind hörbar. So kann wenigstens keiner dazwischenreden!“

Viele Studenten, die gerade ihre Abschlussarbeit schreiben, vermissen die Bibliothek. Weil man für nicht digitalisierte Bücher jedes Mal hin- und herfahren muss, anstatt sie einfach aus dem Regal ziehen und an seinen Arbeitsplatzplatz schleppen zu können. Und weil die Bibliothek einen sozialen und ruhigen Arbeitsraum bietet, der gerade für das Verfassen von Hausarbeiten und Abschlussarbeiten eine große Stütze ist. Nicht ohne Grund muss man in Nicht-Corona-Zeiten darum bangen, sich in den Bibliotheken Berlins morgens ein Schließfach und einen Platz zu ergattern. All diese studentischen Räume und sozialen Zusammenhänge an der Uni fallen dieses Semester weg.

Dennoch scheinen die meisten Studierenden optimistisch auf das kommende Semester zu blicken und den Ernst der Lage, in der sich die gesamte Gesellschaft befindet, zu verstehen. Aus diesem Verständnis erwächst zumindest ein Stück weit eine Bereitschaft zur Solidarität mit Alten und Vorerkrankten, aber auch mit Menschen in finanziellen Notlagen. Diese Solidarität klingt aus allen Gesprächen mit Studierenden heraus.

Das Ernstnehmen der Pandemie, die uns in diesen großen Ausnahmezustand gestürzt hat, hilft auch den Studierenden, mit den extremen Einschränkungen umzugehen und das Beste aus dem Onlinesemester machen zu wollen. Denn die Vorlesungen und Seminare funktionieren ja auch online. Das einsame Studieren am Laptop ist für viele machbar, auch wenn es schwer und deprimierend ist. Zu der immer wieder so bezeichneten „Chance“ macht das dieses Wintersemester allerdings nicht. Dafür geraten zu viele Studierende sowohl emotional als auch finanziell in Not.