Alleinerziehende Mutter aus Friedenau kämpft um ihre Zoohandlung

Stefanie Neuendorf soll zum 31. Januar aus ihren Geschäftsräumen ausziehen. Ihr Vermieter hat ihr diese gekündigt. 

Stefanie Neuendorf kämpft um ihre Zoohandlung und ihre Wohnung in der Niedstraße.
Stefanie Neuendorf kämpft um ihre Zoohandlung und ihre Wohnung in der Niedstraße.Volkmar Otto

Madame Rudi sitzt auf der Schulter von Stefanie Neuendorf. Sie hat ihn Rudi getauft, weil sie anfangs glaubte, er sei männlich. Bis er eines Tages Eier legte. Der Papagei ist seit 18 Jahren an ihrer Seite.

Noch länger führt Stefanie Neuendorf, 43, ihre Tierhandlung Säbelzahn- und Schnabelbar in Friedenau. Doch nun sollen Rudi, Stefanie Neuendorf und ihre fünf Mitarbeiterinnen ausziehen – nach 22 Jahren. Und nach einem Eigentümerwechsel. Der neue Vermieter hat Neuendorf zum 31. Januar 2023 gekündigt.

Es sei ein schlimmer Jahreswechsel gewesen, sagt Stefanie Neuendorf. „Auf einmal ist in meinem Leben nichts mehr, wie es mal war. Ich stehe vor dem wirtschaftlichen Aus. Und mein großer Traum ist kaputt.“ Nach einer Lehre zur Einzelhandelskauffrau im Zoofachbetrieb wollte sie damals eine eigene Zoohandlung eröffnen. In der Friedenauer Niedstraße ergab sich die Chance zur Verwirklichung des Traumes, als sich die ehemaligen Besitzer im Oktober 2000 aus ihrem Geschäft zurückziehen wollten. Schon seit 1978 gibt es die Tierhandlung im Kiez.

Sie ist immer noch gut besucht. An diesem Dezembertag kommen mehrere Kunden nacheinander ins Geschäft. Ein junger Mann benötigt ein Geschirr für seinen Welpen, eine ältere Dame kauft getrocknete Schweineohren für ihre Hündin, und ein Vater sucht mit seinen beiden Töchtern nach einem Spielzeug für die Katze. „Wir sind aus Süddeutschland zu Besuch und haben gehört, dass man hier so gut beraten wird“, sagt er. Der Austausch mit ihren Kundinnen und Kunden mache sie glücklich, sagt Stefanie Neuendorf. Und sie kann auch Sonderwünsche erfüllen und bestellen, wenn sie etwas auf ihrer 45 Quadratmeter großen Ladenfläche nicht vorrätig hat.

Bis vor kurzem hat die alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern, 10 und 8 Jahre alt, auch noch eine Tierpension in den hinteren Räumen betrieben. Doch das Veterinäramt hat ihr zum Jahresende 2022 die Zulassung entzogen.

„Das Problem ist, dass die vor 22 Jahren ausgestellte Genehmigung nicht mehr rechtswirksam ist“, erklärt Neuendorf. Um eine neue Genehmigung zu erhalten, müsse sie die Räumlichkeiten umbauen, damit die Tiere den von der Behörde vorgeschriebenen Platz bekommen. „Doch das kann ich in einer so ungewissen Situation nicht tun.“

Sie habe die Schließung erst einmal akzeptieren müssen. Die letzten Meerschweinchen und Katzen werden von ihren Besitzerinnen und Besitzern abgeholt, wenn diese aus dem Weihnachtsurlaub zurück sind.

Zusatzvereinbarung mit Laufzeit von 15 Jahren

Stefanie Neuendorf kann nicht verstehen, warum ihr im Oktober gekündigt worden ist. „Vor zwei Jahren habe ich zu meinem 20-jährigen Firmenjubiläum ein Geschenk von meinem Vermieter erhalten. Er hat meinen unbefristeten Mietvertrag in einen befristeten Mietvertrag umgewandelt, der nun eine Laufzeit von 15 Jahren hat“, sagt sie. Ohne diesen Zusatz  wäre der Vertrag mit einer Frist von drei Monaten zum Ende eines Monats kündbar gewesen. 

Wegen der zusätzlichen Vereinbarung sieht sich Stefanie Neuendorf im Recht. Allerdings ist das Schriftstück vom vorherigen Eigentümer ausgestellt worden, und der ist vor kurzem gestorben. Sein Sohn ist nun neuer Eigentümer des Mietshauses, in dem Neuendorf ihre Zoohandlung betreibt.

Nach Einschätzung von Wibke Werner, Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins, hat Stefanie Neuendorf gute Chancen, bei einem drohenden Rechtsstreit zu gewinnen. „Es gilt das, was der Eigentümer mit ihr vereinbart hat. Und es ist durchaus üblich im Gewerberecht, noch einen Zusatz wie diesen Kündigungsverzicht bis 2035 zu verhandeln“, sagt sie.

Stefanie Neuendorfs Vermieter sagt auf Anfrage der Berliner Zeitung, dass er das Dokument anzweifelt. „Die Unterschrift meines Vaters weist hier eine Diskrepanz auf, und außerdem ist keine zweite Ausfertigung in den Mietakten zu finden“, sagt Georg Stoilov. Es sei in seinen Augen eine fragwürdige Ausfertigung. Er könne auch nicht nachvollziehen, dass sein Vater „nur 4,50 Euro für den Quadratmeter verlangt hat“ und das über einen Zeitraum von 15 Jahren.

Laut Mietvertrag, der der Berliner Zeitung vorliegt, zahlt die Mieterin für die Gesamtfläche von 99 Quadratmetern bislang umgerechnet 6,65 Euro und für ein zusätzliches Lager (17,1 Quadratmeter) 12,75 Euro pro Quadratmeter. In seinen Augen sei die Kündigung rechtswirksam, sagt der neue Eigentümer. Gegebenenfalls soll ein Gericht die Angelegenheit nun klären und prüfen.

Und es gibt weiteren Ärger: Stefanie Neuendorf hat nach ihrer Trennung eine Einzimmerwohnung in dem Objekt angemietet, für die kein schriftlicher Vertrag existiert. Da die Wohnung zu klein für sie und ihre zwei Mädchen ist, soll ihr vom vorherigen Eigentümer eine größere Wohnung im Haus angeboten worden sein. „Auch für diese Wohnung gibt es bislang keinen Mietvertrag. Da wir uns seit Jahren kannten, bestand zwischen uns ein besonderes Vertrauensverhältnis, und ich habe die Schlüssel ausgehändigt bekommen, ohne dass wir etwas schriftlich vereinbart haben.“ Der neue Eigentümer erkennt die mündliche Vereinbarung nicht an, berichtet Stefanie Neuendorf.

Sie hatte gemeinsam mit ihren Eltern bereits mit dem Renovieren der größeren Wohnung begonnen. Die Arbeit ruht jetzt, bis die Probleme geklärt sind. Lediglich das Kinderzimmer mit einer selbst gezimmerten Holzempore ist schon fertig. „Hierfür zahle ich auch schon die Miete, da es bereits von meinen Kindern als Spielzimmer genutzt wird, weil wir so wenig Platz in der Einzimmerwohnung haben“, sagt sie. Stefanie Neuendorf hat sich juristischen Beistand gesucht.

„Ein Mietvertrag muss nicht zwingend Schriftform haben“

Auch hier sieht die Mieterverein-Geschäftsführerin Wibke Werner zunächst keinen Grund, die mündliche Vereinbarung nicht anzuerkennen. Sie sagt: „Ein Mietvertrag muss nicht zwingend Schriftform haben.“

Ein weiterer Bewohner, der seit 42 Jahren in dem Mietshaus lebt und dort eine Wohnung und eine Gewerbeeinheit angemietet hat, hat ebenfalls eine Kündigung seiner Geschäftsräume erhalten. Er, der nicht möchte, dass sein Name genannt wird, sagt: „Die Kündigung wurde zum Glück wieder zurückgezogen. Mir ist ein neuer Vertrag zu schlechteren Konditionen angeboten worden, den ich angenommen habe.“ Inzwischen seien allerdings sechs Wochen vergangen, und der neue Vertrag sei noch immer nicht bei ihm eingetroffen.

Zum Vergleich: Bislang zahlte er 230 Euro Miete für seine Gewerbeeinheit von 59 Quadratmetern, künftig soll er 368 Euro zahlen mit einer jährlichen Steigerungsrate von drei Prozent auf die nächsten fünf Jahre. Außerdem müsse der Vertrag jedes Jahr neu verhandelt werden. „Das fand auch mein Anwalt beim Berliner Mieterverein bedenklich, da ja eine Laufzeit vereinbart wurde. Die jährliche Neuverhandlung bedeutet eine zusätzliche Unsicherheit für mich“, sagt er. Er habe daraufhin noch einmal versucht, mit dem Vermieter zu sprechen, aber der wolle sich auf nichts anderes einlassen. Für seine Wohnung, 118 Quadratmeter groß, zahlt er 667 Euro. Diese Miete sei gerade um 15 Prozent erhöht worden.

Stefanie Neuendorf ist inzwischen mit den Nerven am Ende, wie sie sagt. Sie hofft auf ein gutes Ende. „Es geht hier schließlich nicht nur um meine Existenz, sondern auch um die meiner fünf Mitarbeiterinnen und ihrer Familien. Außerdem besuchen meine Kinder in Friedenau die Schule. Wir sind hier seit Jahren fest verwurzelt.“ Auch Madame Rudi, der Papagei, der so gern auf der Schulter seiner Besitzerin hockt, müsste sich im schlimmsten Fall nach 18 Jahren an ein neues Zuhause gewöhnen.