Berlin - Erwachsenen-Hosen lang, Kinder Winterjacken, Pullover Frauen - so steht es mit schwarzem Edding auf Kisten und Kartons geschrieben, die sich in zwei Räumen der Müggelschlösschen-Grundschule im Allende-Viertel 2 in Köpenick türmen. Thomas Fuchs und weitere Helfer sortieren am Sonnabendvormittag Kleidung, Bilderbücher, Puzzles, Fußbälle sowie weiteres Spielzeug und Sportsachen. Fuchs ist Mitglied der Anwohnerinitiative "Allende 2 hilft", die jene Flüchtlinge unterstützt, die ins Container-Dorf gegenüber der Schule einziehen. Am Sonnabend wurde die Unterkunft eröffnet, am Nachmittag zogen die ersten 30 von insgesamt 400 Flüchtlingen ein. Das Köpenicker Container-Dorf ist das erste von insgesamt sechs solchen Einrichtungen, die der Senat für insgesamt 2.400 Menschen baut. Innerhalb von nur 44 Tagen wurde die Unterkunft an der Alfred-Randt-Straße errichtet.

"So viel Hilfsbereitschaft der Anwohner hat uns überrascht", sagt Thomas Fuchs und packt einen Fußball in eine Kiste, in der schon Federball- und Eishockey-Schläger sowie Turnschuhe in verschiedenen Größen und Farben liegen. Nach der Bekanntgabe des Standortes für die Unterkunft war der Unmut im Viertel groß - der Senat hatte weder Bezirk noch Anwohner in die Entscheidung einbezogen, viele fühlten sich übergangen und überfordert, weil es zirka 500 Meter Luftlinie bereits ein Flüchtlingsheim für 300 Menschen gibt. Es gab Protest-Demos, die von NPD-Funktionären organisiert wurden.

Hochbetten für die Kinder

Jetzt tragen Helfer Wasserflaschen sowie Kartons voller Spenden nach gegenüber. Auch ein Babykörbchen wird in die neue Unterkunft gebracht. "Das passt gut, denn unter den ersten Flüchtlingen, die am Wochenende kommen, ist auch ein Säugling", sagt Peter Herrmanns. Der 51-Jährige ist der Heimleiter der Container-Unterkunft, die vom Internationalen Bund betrieben wird. Am Vormittag führt er durch die Räume im Erdgeschoss, die an diesem Wochenende belegt werden. In den beiden Etagen darüber werkeln noch die Bauarbeiter, dort stehen noch Lattenroste an die Fenster gelehnt, müssen noch Möbel ausgepackt und zusammengebaut werden.

15 Quadratmeter groß ist jedes Zimmer, ausgestattet sind sie mit je zwei Betten, die nur hintereinander Platz finden. Dazwischen stehen zwei kleine Kleiderschränke, gegenüber ein quadratischer Tisch und zwei Stühle sowie ein Kühlschrank. Für Familien gibt es zwei Zimmer, die mit einer Tür verbunden sind. Für die Kinder wurden Hochbetten angeschafft, damit auch noch Platz zum Spielen bleibt. Auf jedem Bett liegen außer zwei Handtüchern kleine Beutel mit Keksen und anderen Süßigkeiten - von den Senioren im benachbarten Altenheim gebacken oder gekauft. Auf den Kinderbetten sitzen kleine braune Teddys, sie sind eine Spende des SPD-Abgeordneten Tom Schreiber. Heimleiter Herrmanns: "Wir erwarten am Wochenende etwa zehn Kinder, insgesamt werden etwa ein Drittel der Bewohner Kinder und Jugendliche sein."

Für ihre Betreuung hat der Betreiber zwei Erzieherinnen eingestellt, denn Kitaplätze sind rar in Köpenick. Insgesamt sollen sich auch sieben Sozialarbeiter um die Menschen kümmern, die einmal im Allende-Viertel 2 wohnen werden. Eigentlich, sagt Heimleiter Herrmanns, wollte er vor der Eröffnung einen Tag der Offenen Tür für die Anwohner veranstalten. "Aber das haben wir leider nicht mehr geschafft, die Not, Menschen unterzubringen, war einfach zu groß." Die ersten Flüchtlinge kommen übrigens aus dem Erstaufnahmeheim an der Motardstraße in Spandau, wo sie die letzten drei Monate gelebt haben. "Es sind Menschen aus Syrien, aber auch aus Serbien, Bosnien und Vietnam, ein Querschnitt der Menschen, die täglich in Berlin ankommen", sagt Herrmanns.

Noch sind nicht alle Räume fertig

Für Menschen aus so unterschiedlichen Kulturkreisen ist es ziemlich eng in der Container-Unterkunft. Zumal die größeren Gemeinschaftsräume noch nicht fertig sind. Fürs erste müssen kleinere Räume reichen, in denen sich die Menschen auch mal außerhalb ihrer engen Zimmer aufhalten können. Auch ein Ordnungsregime für die Etagen-Küche und die Waschräume muss noch gefunden werden. In der Küche stehen fünf Elektroherde und fünf Spülen. Die Erstausstattung mit Eiern, Getränken, Öl und Brot, aber auch mit Tomaten, Petersilie und Paprika ist vorhanden - Sozialarbeiter haben eingekauft, es gibt aber auch Spenden von Nachbarn. Noch fehlen die Nummern an den 38 Zimmertüren sowie Piktogramme an den Türen zu den Toiletten- und Duschräumen, von denen es pro Etage zwei gibt - je eine für Männer und Frauen. Ausgestattet sind die Toiletten mit je vier Kabinen und zwei Waschbecken, in den Duschräumen gibt es je vier Duschkabinen und vier Waschbecken. In einem zentralen Waschmaschinenraum stehen zehn Maschinen und zehn Trockner. Auf dem Freigelände, wo noch die Baumaschinen stehen, soll ein Spielplatz eingerichtet werden.

Auf dem Flur steht ein stämmiger Mann mit Zwirbelbart und zwei roten Schals des Köpenicker Sportclubs KSC um den Hals. Unterm Arm trägt er einen Fußball. Es ist der stellvertretende Vereinschef Bernd-Dieter Neumann, auch er ist Mitglied der Anwohnerinitiative "Allende 2 hilft". Seit April trainiert Neumann Kinder aus dem Flüchtlingsheim im nahen Allende-Viertel 1. Von dort kommen inzwischen acht Jungen und sieben Mädchen regelmäßig zum KSC, wo sie Fußball spielen oder Leichtathletik treiben. Für die neuen Flüchtlingskinder aus den Containern hat sich Neumann, den im Verein alle "Alpha" nennen, bereits Trainingszeiten auf dem benachbarten Sportplatz und in der Turnhalle der Grundschule besorgt. "Was gibt es besseres für Integration als Sport, wo sich alle an dieselben Regeln halten müssen und Rücksicht lernen", sagt er. Heimleiter Peter Herrmanns freut sich auch über diese Unterstützung, auch der 1. FC Union, sagt er, habe Hilfe angeboten.

In der Schule gegenüber dem Container-Dorf lädt eine junge Familie große Tüten mit Kinderkleidung aus dem Kofferraum ihres Autos. Warum sie die Flüchtlinge unterstützen? "Wir haben genug und wollen etwas davon abgeben", sagen sie. Ihren Namen wollen sie nicht nennen, Hilfe sei doch selbstverständlich, sagen sie.

Unweit vom Eingangstor des Container-Dorfes, wo rund um die Uhr ein Wachschutz Position beziehen wird, stehen drei Männer mittleren Alters. Sie zählen zu jenen Heimgegnern, die seit Wochen bei den Demonstrationen gegen das Container-Dorf mitmachen. Zuletzt waren allerdings nur noch wenige Protestler gekommen. Sie wollen weitermachen mit den Demos, sagen die Männer trotzig. An ihnen vorbei werden derweil weitere Spenden in die neue Unterkunft getragen.