Berlin - Im Hotel Kastanienhof in Prenzlauer Berg haben die Vorbereitungen schon begonnen. Vorige Woche war jemand von einer Schankanlagenreinigungsfirma da, um die Bierleitung wieder anzuschließen. Ein aufwendiges Prozedere samt Desinfektion, Spülungen und Feinjustage. Hotelier Maximilian Hauptmann ist froh, ganz schnell dafür Profis gefunden zu haben. „Das sind zurzeit sehr gefragte Leute“, sagt Hauptmann. Denn es geht wieder los.

Tatsächlich steht die Berliner Beherbergungsbranche vor dem Neustart. Nachdem die Hotels der Stadt sieben Monate und sechs Tage lang nur Dienstreisende empfangen durften, die Zahl der Übernachtungen im ersten Quartal dieses Jahres auf 18 Prozent gefallen war, jedes vierte Hotel in Berlin der Stadt vorübergehend schließen musste und die Bettenauslastung insgesamt noch immer nur bei etwa 16 Prozent liegt, sind die hiesigen Hotels ab kommendem Freitag auch für Touristen wieder offen. So hat es der Senat am vorigen Dienstag beschlossen. Eine sogenannte Belegungshöchstgrenze ist nicht vorgesehen. Kurz zuvor hieß es noch, dass nur 50 Prozent der Zimmer belegt werden dürften. Doch die Hotellobby hatte erfolgreich interveniert, wenngleich sich dieser Erfolg vermutlich schon bald als ziemlich nutzlos erweisen dürfte. In jedem Fall gilt: offen für alle. Alles auf Anfang.

Carsten Koall
Maximilian Hauptmann ist Mitinhaber des Hotels Kastanienhof.

Im Kastanienhof ist man jedenfalls erleichtert. In den vergangenen Monaten waren dort bestenfalls vier der 44 Zimmer belegt, die 20 Mitarbeiter auf Kurzarbeit. Meist war nur ein Angestellter im Hotel an der Kastanienallee. Oft war der Chef ganz allein. Doch in dieser Woche kommt wieder Leben ins Haus. Für die Zimmer steht eine Grundreinigung an. Danach will Hauptmann seine Mitarbeiter nach Bedarf wieder aus der Kurzarbeit holen. Wie viele er im Juni im Hotel brauchen wird, weiß er noch nicht. Immerhin sind fast alle noch da. Einzig einen neuen Koch wird er sich suchen müssen, weil der bisherige das Hotel gewechselt hat. Aber der Hotelier ist hoffnungsvoll. Er glaubt auch, dass der Betrieb schon Mitte Juli wieder zur Normalität zurückkehre.

Zu so viel Optimismus reicht es dem ansonsten grundfreundlichen und fundamental positiven Jürgen Gangl nicht. Der 57-Jährige ist eine Instanz im Berliner Hotelgeschäft. Er hat bereits das Grand Hotel Esplanade am Lützowufer geführt. Seit neun Jahren ist er Chef des Park Inn am Alexanderplatz, das mit über 1000 Zimmern auf 37 Etagen das drittgrößte Hotel Deutschlands ist. Doch von der Größe hatte der Hotelmanager in den vergangenen Monaten wenig. Das Haus war zwar immer geöffnet, aber nur zu vier bis acht Prozent gebucht. „Fünfzig von tausend Zimmern“, sagt Gangl.

Gäste werden vor allem aus dem Inland kommen 

An der Rezeption klingelt das Telefon nun aber schon wieder fast ohne Pause. Doch die meisten Anrufer wollen nur wissen, was ab wann möglich ist, ob ein Test benötigt wird, und wie der Hotelbetrieb läuft. Zimmerbuchungen gibt es indes kaum. „Im Moment sind wir ein Auskunftsbüro“, sagt der Hotelmanager und rechnet nun nicht mit einer Buchungslawine, sondern für Juni mit einer Auslastung von höchstens 15 Prozent.

Das entspricht zwar einer Verdoppelung gegenüber den vergangenen Monaten, doch ist Jürgen Gangl anderes gewöhnt. Das Vier-Sterne-Hotel am Alexanderplatz war sonst stets überdurchschnittlich gut gebucht. 2019 lag die Auslastung im Jahresdurchschnitt bei 94 Prozent. Und so hofft der Chef auf die Monate Juli und August und darauf, dass Städtetourismus nicht nur in Umfragen und Studien von Freizeitforschern der Trend des Jahres ist. In jedem Fall rechnet der Hotelmanager mit anderen Gästen als vor Corona. Seinerzeit kamen sie etwa je zur Hälfte aus dem In- und aus dem Ausland. In diesem Jahr erwartet er fast ausschließlich einheimische Gäste.

Von den 350 Mitarbeitern des Park Inn sind noch immer fast alle in Kurzarbeit. In den vergangenen Monaten brauchte Gangl höchstens 40 im Haus. Nun warten alle auf den Neustart. Aber der Chef bremst die Erwartungen. Zum Monatsende könnten vielleicht 60 gebraucht werden, danach bestenfalls 150. „Das wird kein Senkrechtstart.“

Wenngleich der Hotelchef keinen seiner Mitarbeiter entlassen musste, hat er doch fast 15 Prozent der Belegschaft verloren. „Etwa 45 Leute haben gekündigt, auch Führungskräfte“, sagt Gangl. Unter ihnen hätten fast alle der Branche den Rücken gekehrt. Ein „Spüler“ aus dem Küchenbereich etwa habe in einem Supermarkt angefangen, wo er nicht mehr sonntags arbeiten müsse und 400 Euro mehr verdiene. „Was soll ich da machen?“, fragt der Hotelier, dem nun vor allem im Servicebereich und in der Küche Personal fehlt. Auf Ausschreibungen gebe es kaum Bewerbungen. „Die Hotelbranche ist gerade nicht besonders angesagt.“

Es fehlen weiterhin Tagungs- und Messegäste

In einem blau-weißen Bürobau in der Neuköllner Weserstraße werden zwar keine Zimmer vermietet, dennoch bestimmen Belegungsquoten auch dort das Geschäft. Es ist der Firmensitz des Berliner Reinigungsunternehmens Fliegel, Marktführer in Sachen Hotelwäsche in Berlin. Etwa 130 Hotels hat die Firma unter Vertrag. Das ist jedes fünfte Berliner Hotel.

Bevor das Corona-Virus in die Stadt kam, sammelten die Fliegel-Trucks in den Häusern täglich 80 Tonnen Wäsche ein und brachten sie 24 Stunden später frisch gewaschen und gebügelt wieder zurück. Doch seit Anfang November vorigen Jahres läuft auch bei Fliegel nur noch ein Notbetrieb. „Wenn es gut läuft, kommen wir auf 60 Tonnen – pro Woche“, sagt Prokurist Jens Elkemann.

Das Unternehmen betreibt insgesamt vier Wäschereien, davon zwei in Polen. Von der 900-köpfigen Stammbelegschaft habe dank Kurzarbeit niemandem gekündigt werden müssen, sagt Elkemann. Da es in Polen keine Kurzarbeiterregelung gibt und Fliegel die 500 qualifizierten Mitarbeiter dort trotzdem behalten wollte, habe die Firma sie weiterhin bezahlt und sie schnell abrufbar über Zeitarbeitsfirmen weitervermittelt.

„Wir können von heute auf morgen hochfahren“, sagt der Prokurist, erwartet für Berlin aber eher einen langsamen Zuwachs. Nach seiner Einschätzung werden die Umsätze in Berlin in diesem Jahr nur etwa 50 bis 60 Prozent des Vor-Corona-Niveaus erreichen. Zwar würden die Touristen wieder kommen, aber dafür fehlten weiterhin die Tagungs- und Messegäste und würden wohl noch einige Zeit auf sich warten lassen.

Martina Schmidke sieht das ähnlich. Sie ist bei der 1920 gegründeten Großberliner Reinigungsgesellschaft, kurz GRG, für den Hotelservice zuständig. Von der Fasanenstraße in Charlottenburg aus koordiniert sie den Housekeeping-Bereich für 13 Berliner Hotels, darunter das Ritz Carlton oder das Interconti. Schmidke rechnet mit einer durchschnittlichen Auslastung von 30 Prozent, „wobei sich die höhere Belegung wahrscheinlich auf die Wochenenden konzentrieren wird“. Es fehle der internationale Reiseverkehr.

Über Monate nicht vermietete Zimmer wieder verkaufsfertig machen

Dennoch laufen bei GRG die Vorbereitungen auf den Restart auf Hochtouren. Maschinen, die über ein Jahr nicht benutzt wurden, müssen überprüft werden. Über Monate nicht vermietete Zimmer werden wieder „verkaufsfertig“ gemacht. Da der Neustart voraussichtlich sehr langsam verlaufen wird, sieht die GRG-Managerin zunächst personell keine Probleme. „Für Peak-Tage wird es allerdings eine Herausforderung werden“, sagt sie.

Das Unternehmen habe viele befristete Verträge auslaufen lassen müssen, da einigen ausländischen Mitarbeitern die Arbeitserlaubnis oder die Aufenthaltstitel nicht verlängert wurden. „Wir werden aber alle wieder einstellen, sofern es wieder möglich ist und sie noch im Land sind“, sagt Schmidke. Andere haben sich Jobs außerhalb der Hotellerie gesucht, weil sie von dem geringen Kurzarbeitergeld nicht leben konnten. Schmidke führt bereits wieder Bewerbungsgespräche. Vor allem Zimmermädchen und Roomboys werden gesucht.

Volkmar Otto
Marcus Fuhrmann führt das Obst- und Gemüse-Großhandelsunternehmen Dieter Fuhrmann in dritter Generation.

Dass die Branche wieder in Bewegung kommt, spürt Marcus Fuhrmann seit knapp zwei Wochen. Das Telefon klingele wieder öfter, sagt er. „Ein schönes Gefühl, auch wenn einige erst mal nur wissen wollen, ob es uns überhaupt noch gibt.“ Fuhrmann ist Chef des Obst- und Gemüse-Großhandels Dieter Fuhrmann. Er führt das Unternehmen in dritter Generation. Etwa 50 Hotels stehen auf seiner Kundenliste. Das Adlon und das Hyatt gehören dazu. „Lieferant der Berliner Spitzengastronomie“ steht auf den Kastenaufbauten der Lieferwagenflotte.

In den vergangenen Monaten waren die meisten Lkw abgemeldet. Inzwischen sind alle 22 Fahrzeuge wieder einsatzbereit. Mehr als 20 der 30 Mitarbeiter hat Fuhrmann bereits aus der Kurzarbeit zurückgeholt. Das Hotelgeschäft wird nach seiner Einschätzung langsam zulegen. Eine Vorbereitung darauf brauche er nicht. Es habe vor Corona schon zum Tagesgeschäft gehört, sehr schnell auf neue Anforderungen zu reagieren. „Man braucht nur gute Leute“, sagt der Firmenchef und weiß sie im Unternehmen.

Als im März vergangenen Jahres das Geschäft während des ersten Lockdowns komplett zusammengebrochen war, hatte der Unternehmer seine Mitarbeiter in der Halle 18 des Großmarkts an der Beusselstraße zusammengenommen und ihnen trotz großer Verunsicherung eine Zusage gemacht. „Keiner wird entlassen“, hatte er damals versprochen. Das habe er gehalten, sagt Fuhrmann. Wann das Hotelgeschäft wieder zu 100 Prozent laufe, vermag Fuhrmann indes nicht zu sagen. „Vielleicht in zwei, drei Jahren. Aber wer weiß das schon.“