Ob ich noch dort ankomme? In der Akademie der Künste, wo ich mir eine Ausstellung ansehen will? Eine Ausstellung, von der ich mir Stoff, Gedanken, Worte verspreche. Ich schlingere, schlendere und sitze plötzlich schon wieder im Café. Zu laut haben Notizbuch und Stift in der Tasche gerufen. Doch ist es nicht geradezu Pflicht der Flaneuse, sich ablenken, treiben, verführen zu lassen? Vom Kurs abzuweichen, Plan und Ziel zu vergessen?

Unter den Linden war es immer schon gefährlich. Dort werde ich zur Touristin und freue mich zuallererst über das Staunen der anderen, die aus aller Welt nun langsam wieder kommen. Auch jetzt noch. Wie lange noch? Ich freue mich über ihre Begeisterung. Wie hingerissen sind sie von Gebäuden, Straßen, An- und Ausblicken, in deren Nachbarschaft zu wohnen wir uns schon lange gewöhnt haben! Finger recken sich in Richtung der prächtigen Fassaden, Kameras klicken, es wird wild durcheinander geredet.

Alles hier zwischen Alex und Tor ist Stillstand und Aufbruch zugleich. Neuerung und Tradition. Unruhe und Ritual. Zwischen Baustellengetöse und vis à vis des neuen alten Schlosses verkaufen die Händler Bücher und Tand wie vor 20 Jahren. Selbst die grauen Plastikkisten sind dieselben, voll mit Suhrkamp, Reclam, Insel, die großen Namen zum kleinen Preis. Drei für fünf Euro, fünf für zehn! Wie billig Bildung sein kann. Die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ist sogar umsonst.

Panini! Döner! Currywurst! Frühlingsrolle!

In der Alten Wache: Begegnung mit der Kollwitz, den Toten, den dunkelsten Stunden des Landes in Stein gehauen. Dennoch großer Frieden. Ein Museum der Stille. Wer hier nicht innehält, nicht Ruhe findet, der ist verloren. Dafür ist dieser Ort da, dafür ist er gebaut.

Alles hier ist groß. Nicht nur die Gebäude, ihr Glanz, die Träume, die darin wohnen und ihre Geschichte. Groß ist das rumpelnde Baugerät. Groß sind die Sonnenbrillen der Frauen und die Eistüten der Kinder. Groß sind die Souvenirläden und das absurde Nivea-Geschäft. Ein ganzer Prunkbau voller Creme. Übergroß ist das Elend der Obdachlosen auf den Bänken unter den Linden. Viel elender noch scheint es ihnen zu ergehen als anderswo zwischen dem Reichtum ringsherum.

Groß auch die Gerüche! Aus dem Europäischen Haus weht ein Hauch dieses Wunders der Nachkriegsgeschichte und aus den Imbissbuden auf dem sandigen Mittelstreifen der Duft der halben Welt: Panini! Döner! Currywurst! Frühlingsrolle! Unvorstellbar die Armut, die Not, der Hunger und die Trümmer, von denen ich im nächsten Café lese, diesmal auf der anderen Seite des Boulevards. Er ist genau der richtige Ort, um mit Gabriele Tergits „Effingers“ zu leiden, zu lernen und zu lieben. Vor allem aber zu lieben. Ist das ein Geflirte und Geheirate. Doch auch lachen konnten sie noch 1919, wohin die Lektüre mich mittlerweile getragen hat.

Es stellte sich nämlich heraus, dass die Ausstellung im anderen Haus der Akademie der Künste am Hanseatenweg ist. Dort war ich lange nicht, ein guter Grund, bald dort sehr viel Kaffee zu trinken. Doch mit welcher Lektüre? Und: Werde ich mein Ziel je erreichen?