„Allet Burgonnje“: Mein Freund, der Fotograf

Mein Freund Micha entdeckte die Welt durch die Kamera. Er lehrte die Leute, auf andere Weise zu sehen.

Mein Freund Micha beim Fotografieren in Frankreich.
Mein Freund Micha beim Fotografieren in Frankreich.Berliner Zeitung/Torsten Harmsen

Mein Freund Micha fuhr überall mit hin. Was unsere Frauen sich auch ausdachten – er war dabei. Er brummte vielleicht ein bisschen vor sich hin. Aber Hauptsache, er bekam was vor die Kamera. Während unsere Familien vom Arc de Triomphe aus über Paris guckten und die Kinder herumalberten, stand Micha wie eine Statue an der Wand und hielt lange einen schwarzen Kasten in die Höhe.

Die Leute wurden unruhig. Was macht der Mann da? Hat er eine Bombe? Aber Micha tat nichts Bedrohliches. Er stand da, grinste ein bisschen unter seinem grauen Haarschopf und hielt seinen Kasten hoch. Bis er fertig war. Das Ding war eine Lochkamera, auch Camera obscura genannt. Seit einiger Zeit war Micha, ein Ur-Berliner Fotograf, besessen davon. Er bastelte sich seine Kameras, eine sogar aus einer Keksdose, und reiste damit umher, nach Rom, nach London, nach Cornwall, ans Meer.

Eilige werden zu Geistern, Ruhige bleiben präsent

Mein innerer Berliner witzelte über das, was rauskam. „Det sind Muschebubu-Bilder. Det Meer hat jar keene Wellen, sondern sieht aus wie ’ne dicke Wolkensuppe. Dazwischen lauter Jespenster. Wie in so ’ner Jruselstory“. Ist ja klar: Leute, die sich bewegen, werden bei langen Belichtungszeiten zu durchsichtigen, verwischten Geistern. Nur wer länger dasitzt, weil er sich vielleicht in Ruhe etwas anguckt, bleibt präsent.

Die tiefe Philosophie in den Bildern hat mein innerer Berliner erst nach und nach begriffen. Das Eigentliche ist nicht der tägliche Aktionismus, sondern, dass man sich Zeit nimmt, etwas wirklich zu sehen.

Micha zog den ganzen Tag mit seinen Kameras durch Paris. Er verfranzte sich im Gewirr der Metro, verlief sich in den Straßen. Irgendwann kam er ins Hotel und sagte: „Nee, dit is nich meine Stadt. Die Leute meckern, wenn se fotografiert werden.“ Stress und miese Stimmung waren nichts für ihn.

Irgendwann kamen unsere Frauen auf die Idee, mit einem Boot durch die französische Bourgogne zu fahren, sprich „Burgonnje“. Die Tour ging 160 Kilometer über die Loire und einen alten Kanal. Micha brummte ein bisschen. Was sollte er auf einem Boot? Enge Kabinen, Miniklo, und er hatte auch nie schwimmen gelernt. Wenn wir schleusen mussten, stand er dennoch mit blauer Rettungsweste am Heck und hielt die Leine. Er dachte sich seinen Teil und sagte: „Allet Burgonnje“.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Das wurde sein Spruch. In einem Ort suchten wir nach einem Café. Es gab keins. Die meisten Häuser waren leer, die Fensterläden zugerammelt. Kaum Leute zu sehen. „Allet Burgonnje!“, sagte Micha. Kamen wir zu spät in einem Hafen an, waren alle Anlegeplätze schon besetzt, kein Zugang zu Strom und Wasser. Die Töchter maulten. „Allet Burgonnje!“, sagte Micha. Aber auf der Reise entstanden wunderbare Fotos. Und zwar von allem, was nicht wegrannte. Genau Michas Ding.

In den letzten Jahren hatte er viele schöne Ausstellungen, machte Bücher. Im Sommer erst erhielt er einen wichtigen Preis. Es ging voran, Aufträge kamen herein. Ausgerechnet da musste er eine schlimme Krankheit bekommen. Und vor einigen Tagen ist er gestorben, mit 64 Jahren. Das Schicksal ist ein mieser Verräter! Hieß so nicht mal ein Buch?

Wo wird Micha jetzt sein? In einer seiner Landschaften, in denen alles verzaubert ist und die Geistergestalten huschen? Oder zieht er mit der Kamera durch stille Jenseits-Straßen. Alles ist verrammelt, niemand zu sehen und nirgendwo ein Laden. Ich weiß schon, was er dann brummen wird: „Allet Burgonnje!“