Alltag bei der Berliner S-Bahn: „Die Bahnsteige unter dem BER sehen wie geleckt aus“

An einen Fahrgast erinnere ich mich besonders gern, obwohl er ein Schwarzfahrer war. Er heißt Ludwig. Die Geschichte mit Ludwig geht so: Als ich mit meiner S 25 in Tegel einfuhr, sah ich einen Border Collie die Treppe hoch laufen. Kurz darauf, wir fuhren schon wieder, klopfte ein Fahrgast aufgeregt an die Führerstandstür. „Da ist ein Hund, der niemandem von uns gehört“, sagte er.

Der Hund machte einen lieben Eindruck, da habe ich ihn erst einmal in meinen Führerstand geholt. Ich habe „Sitz!“ gesagt, und er hat sich brav hingesetzt. An der Endstation habe ich mir die Marke am Halsband angeschaut, da stand sein Name und eine Telefonnummer, die ich angerufen habe. „Ich habe Ihren Hund beim Schwarzfahren erwischt!“ Der Besitzer konnte das erst nicht glauben. Später hat das Ehepaar mich und meinen Teamleiter zum Essen eingeladen. Da erfuhren wir dann, dass Ludwig schon sehr alt ist, mehr als zwölf Jahre. Er ist schon öfter allein auf Tour gegangen, aber noch nie mit der S-Bahn.

Normalerweise haben wir mit Tieren eher selten zu tun. Auf der S 25 im Tegeler Forst muss man mit Wildschweinen rechnen. Auf der Stadtbahn im Zentrum bin ich mal mit einer Taube kollidiert, was der arme Vogel leider nicht überlebt hat. Die Taube tat mir leid, aber so ist das nun mal: Mit einem Schienenfahrzeug kann man nicht ausweichen.

Eine Wand und eine Tür trennen mich von den Fahrgästen. Das ist auch gut so, denn ich muss mich auf die Strecke und die Signale konzentrieren. Jetzt im Herbst sind die Gleise oft nass, da muss ich früher bremsen. Aber es kommt schon vor, dass mich Fahrgäste ansprechen, zum Beispiel, wenn ich auf einem S-Bahnhof aus dem Führerstand heraustreten muss. Neulich hat mir einer ganz erstaunt gesagt: „Sie sind ja eine Frau!“ Da konnte ich ihm nur zustimmen. Vor allem ältere Männer legen die Stirn in Falten, wenn sie mich bei der Einfahrt im Zug sehen. Ich kann dazu nur sagen: Wir Mädels müssen den Führerschein genauso machen wie die Kerle!

Mit dem Vampir durch Berlin

Mein Beruf heißt: Triebfahrzeugführerin bei der S-Bahn. Die Bezeichnung Lokführerin ist nicht so gut – denn S-Bahnen haben keine Loks. Ich bin Quereinsteigerin, vorher habe ich etwas ganz anderes gemacht. Ich war lange im Einzelhandel tätig, unter anderem als Kassenleitung im Supermarkt. Zuletzt war ich sechs Jahre in Dortmund, doch weil es da nur Zeitverträge gab, zog ich wieder nach Berlin zurück. In der Agentur für Arbeit bin ich an einen netten Sachbearbeiter geraten. Ich habe ihm gesagt, wie ich mir Arbeit vorstelle: Spannend muss sie sein und Spaß sollte sie machen. Irgendwann sagte er: „Sie sollten S-Bahnen fahren!“ Und ich dachte mir: „Warum eigentlich nicht?“ Im November 2012 begann die Ausbildung. Sie dauerte acht Monate.

Ich möchte nicht wissen, wie hoch mein Puls war, als ich zum ersten Mal eine S-Bahn bewegte. Ich hatte Angst, dass ich die Halttafel am Bahnsteig nicht treffe. Bei der ersten Fahrt allein im Führerstand habe ich mir gleich acht Minuten Verspätung eingehandelt, weil ich auf jeden Fahrgast, der noch die Treppe hoch rannte, gewartet habe. Wegen des Schichtdienstes sind meine Arbeitszeiten unterschiedlich. An vielen Wochenenden muss ich arbeiten, dafür habe ich dann in der Woche frei – und beim Einkaufen mehr Platz. Am liebsten habe ich Spätdienste. Frühdienste können manchmal sehr zeitig beginnen, zum Beispiel um 4.15 Uhr. Und wenn dann noch der Anfahrtsweg lang ist ... Ich wohne in Köpenick.

In der vergangenen Woche lief es gut. Am Montag musste ich mich um 16.17 Uhr in Erkner melden, dort war um 0.39 Uhr auch Dienstende. Am Dienstag hatte ich einen ungewöhnlichen Dienst: Von 12.55 bis 20.09 Uhr war ich Umsetzerin in Hoppegarten. Im S-Bahnhof fuhr ich Züge vom Bahnsteig in die Kehranlage. Am Donnerstag ging die Arbeit um 14.56 Uhr im Ostbahnhof los, um 23.54 Uhr war Schluss. Ich war auf der S 7 im Einsatz, die bei uns die Funknamen Otto und Olaf hat. Jede S-Bahn-Linie hat solche Namen. Die S 25 heißt zum Beispiel Vampir, die S 85 Neiße, und die Züge im Spät- und Nachtverkehr auf der S 5 heißen Erna. Ich fahre die Erna gern, da sehe ich viel Partypeople.

Proviant im Rollkoffer

Im Bahnhof unter dem Flughafen BER bin ich auch schon mal gewesen. Damit es im Tunnel nicht anfängt zu schimmeln, gibt es regelmäßig „Belüftungsfahrten“, um die Luft in Bewegung zu bringen. Bei meiner ersten Fahrt wunderte ich mich, wie sauber es da unten ist. Selbst der Schotter ist makellos, die Bahnsteige sehen wie geleckt aus.

In meinem kleinen Rollkoffer ist Proviant: Brote, Kaffee und jeden Tag ein Apfel. Natürlich könnte ich mich auf dem Bahnhof verpflegen. Wenn man wissen will, wo man gut essen kann, muss man einen S-Bahner fragen. Ich kenne Kollegen, die nach dem Dienstende zum Gesundbrunnen fahren, weil es dort die beste Currywurst gibt. Oder zum Zoo, wo Curry 36 einen Stand hat.

Mein schönstes Erlebnis bei der S-Bahn? Das war, als mich meine Enkeltochter im Führerstand gesehen hat. Sie rief: „Oma, das ist ja cool!“ In ihrer Schulklasse weiß jetzt jeder, was mein Beruf ist.

Notiert von Peter Neumann.