Die Jubilarin macht einen rüstigen Eindruck. Und sie hat immer mehr zu tun – die Berliner Straßenbahn, die am Montag 150 Jahre wird. In den vergangenen sieben Jahren ist die Zahl der Fahrgäste um rund 15 Prozent gestiegen, im August kommt der hundertste neue Zug.

Menschen wie Norman Tillack sorgen dafür, dass die Fahrgäste ans Ziel kommen. Der 37-Jährige ist seit sieben Jahren Straßenbahnfahrer und hat uns seinen Job beschrieben:

Da! Schon wieder! Sehen Sie das alte Ehepaar, das über die Gleise läuft? Auf die Straßenbahn haben die nicht geachtet. Ich muss schon sagen, alte Leute haben es oft ziemlich eilig. Sie gehen einfach weiter und schauen weg, als ob sie wüssten, dass sie sich falsch verhalten. Doch es ist nun mal so: Ich kann nicht ausweichen, die Bahn fährt auf Schienen. Der Bremsweg kann lang sein. Selbst bei einer Gefahrenbremsung, bei der Sand auf die Gleise gestreut wird, um die Griffigkeit zu erhöhen, und eine Magnetbremse zupackt. Die Bahn, die ich fahre, eine GT6N, ist über 30 Tonnen schwer. Bis die steht, dauert es!

Einmal ist mir ein Jugendlicher gegen die Bahn gelaufen. Gegen die stehende Bahn, wir waren gerade an einer Haltestelle! Er tippte beim Laufen auf seinem Smartphone herum, sah die Bahn nicht und knallte dann gegen die Scheibe. Es sind auch viele zugestöpselte Leute unterwegs. Wegen der Kopfhörer hören die uns nicht, auch wenn wir die Warnglocke betätigen. Für uns heißt das: mit dem schlimmsten rechnen, immer auf Nummer sicher fahren. Auch wenn Autos mit BAR oder ähnlichen Kennzeichen auf den Gleisen stehen. Wo die herkommen, gibt es keine Straßenbahnen.

Zettel für den Mann am Steuer

Trotzdem lasse ich mir die gute Laune nicht verderben. Ich fahre gern durch Berlin. Vorher war ich sieben Jahre lang Busfahrer. Damals hatte ich mehr Kontakt mit den Fahrgästen, das vermisse ich. Im ersten Jahr musste ich mal einen Nachtbus über den Großen Stern fahren, da wusste ich nicht, welche der vielen Ausfahrten ich nehmen sollte. Da kam eine Frau zu mir und fragte: Kann ich Ihnen helfen? Als Busfahrer habe ich auch viele Zettel mit Telefonnummern gekriegt. So viele wie noch nie! Von Frauen.

In der Straßenbahn sitzen wir getrennt von den Fahrgästen, anders als im Bus. Ein Kollege, der ebenfalls zur Straßenbahn wechselte, kam damit nicht zurecht. Dem war das hier zu eng. Aber auch hier habe ich Kontakt mit Fahrgästen. Sie klopfen an die Scheibe und stellen Fragen.

Wie wichtig die Straßenbahn ist, erkennt man daran, dass wir immer mehr Fahrgäste haben. Es wird immer voller! Als ich anfing, war der Vormittag meist eine Ruhephase, heute ist den ganzen Tag über was los. Es gibt einfach immer mehr Menschen in Berlin. Und nicht jeder hat Lust, einen Parkplatz zu suchen und dafür zu zahlen. Die M 4 von Mitte nach Hohenschönhausen fährt im Berufsverkehr alle drei Minuten – mit 40 Meter langen Zügen! Trotzdem müssen manchmal Leute an den Haltestellen stehen bleiben.

Was ich nicht gut finde, sind die vielen Bierflaschentouristen in Berlin. Die benehmen sich manchmal, als ob ihnen jemand einen Freibrief gegeben hätte. Die liegt dann plötzlich Erbrochenes auf dem Boden. Und die anderen Fahrgäste und ich müssen mit dem Geruch leben!

Geschlechtsverkehr im Nachtwagen – auch so etwas gibt’s. Sicher nicht oft, aber manchmal kommt es vor. Es sind nicht nur junge Leute, auch Mitte-40-Jährige. Meist vor den Videokameras, einige wissen, wo sich die befinden. Auf den Aufnahmen wird es dann entdeckt.

Diebische Fahrgäste

Mit den Fahrgästen komme ich gut aus. Einen habe ich allerdings dabei erwischt, wie er mein Fahrrad klauen wollte. Das habe ich zufällig gesehen, als ich auf meinen Bildschirm schaute. Ich dachte, ich sehe nicht richtig! Es war aber so. Wenn der Dienst an unterschiedlichen Orten beginnt und endet, dürfen wir das private Fahrrad mitnehmen, und einer wollte das Schloss knacken. Das konnte ich aber gerade noch verhindern. Einem Kollegen gelang das leider nicht. Er hatte vergessen, sein Fahrrad anzuketten.

Einen Unfall konnte ich dagegen nicht verhindern. Auf der Bornholmer Straße sah ich, dass ein Auto aus Oranienburg auf den Schienen stand. Ich habe die Warnglocke betätigt, das Licht angeschaltet. Der Fahrer wollte wegfahren, er stand aber so unter Stress, dass er den Gang nicht ’rein bekam. Ich habe sofort eine Gefahrenbremsung eingeleitet, und es ist nichts Schlimmes passiert. Doch für eine kleine Beule am Auto hat es trotzdem gereicht.

Meine Arbeitszeiten wechseln. Am Freitag war ich von 13.24 Uhr bis 21.39 Uhr unterwegs. An diesem Sonnabend arbeite ich von 11 bis 17.39 Uhr, am Sonntag von 4.38 bis 11.25 Uhr. Pausen sind genau geregelt. Am Donnerstag, als ich die 12 fuhr, dauerten sie an den Endstellen sechs oder zehn Minuten, dazu kam eine Blockpause?–?40 Minuten. Zum Ausgleich treibe ich viel Sport, Wakeboarding, Kitesurfen, Radfahren. Mit den Arbeitszeiten muss man zurechtkommen. Und es ist eine sitzende Tätigkeit. Aber ich bin gern Straßenbahnfahrer. Ich mag die Abwechslung, die der Beruf bringt.