Berlin - Die Farbe irritiert. Dieses knallige Rot ist ungewöhnlich in dieser Umgebung, wo alles weiß und daher etwas unwirklich erscheint. Bei unseren letzten beiden Treffen im Mai und November vergangenen Jahres war Hans-Joachim Janssen so gekleidet, wie man es von einem Oberarzt kennt: strahlend weiße Hose, weißer Kittel, sogar die Schuhe hatten diese sterile Farblosigkeit. Nun also rote Hose, rote Jacke. Die Montur sitzt bei Janssen wie angegossen. Sie ist auch nicht von der Stange. Ein wenig wirkt der Mediziner in diesem Outfit wie ein Biker, der sein Motorrad kurz vor dem Haus abgestellt hat, weil er einen Kumpel besuchen will. Nur das Stethoskop, das Janssen um den Hals trägt, stört dieses Bild. Es führt zurück in das Hier und Jetzt, ins zweite Jahr der Corona-Pandemie in der Hauptstadt: Unfallkrankenhaus Berlin, zweites Obergeschoss, Station F2.

Die rote Kleidung hat Janssen beim Fliegen getragen. Er ist in der Nacht zu diesem sonnigen Apriltag mit Christoph Berlin unterwegs gewesen, dem Rettungshubschrauber. Bis zum Morgen ging der Dienst auf der fliegenden Intensivstation. Auf seiner Jacke ist ein Sticker aufgenäht: „Intensiv Transport Hubschrauber Christoph Berlin“ ist darauf zu lesen. Nun, am Vormittag, tritt der Anästhesist und Notfallmediziner seine zweite Schicht an. Als Chef der Intensivstation F2 für schwersterkrankte Covid-19-Patienten. Janssen wirkt kein bisschen müde.

14 Betten gibt es auf der F2, zwölf davon sind derzeit belegt. Drei weitere Corona-Patienten liegen auf einer zweiten, nur für schwerstkranke Infizierte reservierten Intensivstation. „Wir sind nicht ganz ausgelastet“, sagt Janssen, als wir uns im Besprechungsraum treffen, gegenüber der automatischen Eingangstür zur Station F2. Von hier sind die Rotoren des Hubschraubers zu hören, wenn er abhebt oder landet. Das geschieht oft, rund 1200-mal im Jahr. Auch während unseres Gesprächs startet Christoph Berlin.

Verflogen ist Janssens Optimismus, dass die F2 in diesem Frühjahr wieder eine ganz normale Intensivstation sein würde, auf der Unfallpatienten liegen oder Menschen, die einen schweren Herzinfarkt erlitten haben. Daran glaubte er noch, als wir uns Anfang November trafen. Da war der Höhepunkt der zweiten Welle noch nicht erreicht. Die Hoffnung auf Normalität verschwand, als die Mutation B.1.1.7 kam. „Wir konnten nicht absehen, dass sich B.1.1.7 auch im deutschen Raum dermaßen stark ausbreiten würde“, sagt Janssen in ruhigem Ton. B.1.1.7 grassiert schneller, und die Mutante verursache einen schwereren Krankheitsverlauf. Auch bei jüngeren Patienten.

Doch zeigt Janssens rote Montur nicht, dass es besser wird mit der Pandemie? Immerhin gibt es diese zwei leeren Betten auf der Station F2, die im Herbst voll belegt war. Damals musste der Rettungshubschrauber ohne den 57-jährigen Oberarzt abheben. Zu viel gebe es zu tun auf der F2, berichtete der Mediziner damals. Janssen ist seit 2008 am Unfallkrankenhaus und eigentlich auch deswegen gekommen, weil er im Team der Notfallmediziner im Hubschrauber arbeiten konnte.

Sein Lachen ist kein fröhliches

Er lacht, wenn man ihn nach dieser Diskrepanz fragt. Es ist ein nachdenkliches, kurzes Lachen, das nichts mit Heiterkeit zu tun hat. „Nein“, sagt der Mediziner bestimmt und ohne Zögern. Es gebe auf der F2 wahrlich genug Arbeit. Aber das Fliegen sei für ihn ein willkommener Ausgleich zum Alltag auf der Intensivstation. Es ergänze seine Arbeit als Intensivmediziner. Und da er geimpft sei, könne er wieder zwei- bis viermal im Monat bei der Rettung aus der Luft dabei sein, ohne Gefahr zu laufen, angesteckt zu werden oder andere zu infizieren. Und ein wenig haben diese Flüge auch mit seiner Arbeit auf der Covid-19-Intensivstation zu tun.

50 bis 60 Prozent der Lufteinsätze des am Unfallkrankenhaus stationierten Helikopters sind Intensivverlegungen von einem Krankenhaus, das mit einem Patienten nicht mehr klarkommt, zu einem Maximalversorgungshaus, wie Janssen sagt. Oft sind nun auch schwer kranke Corona-Patienten dabei, die beatmet werden müssen. Oder die sogar an eine Ecmo-Maschine angeschlossen sind, die vorübergehend die Funktion der Lunge übernimmt. Dabei wird sauerstoffarmes Blut in die Maschine gepumpt, vom Kohlendioxid befreit, mit Sauerstoff angereichert und wieder in den Körper des Patienten geleitet.

Auf der F2 arbeiten sie nun auch mit solchen Maschinen, von denen es in ganz Berlin etwas mehr als 50 geben soll. Das Unfallkrankenhaus hat sich zwei ausgeliehen und nunmehr vier Ecmo-Geräte zur Verfügung, Höchstens drei davon werden verwendet. Eine Maschine steht immer bereit, wenn eines der lebensrettenden Geräte ausfallen sollte. Aber nicht immer können die Patienten, die im Überlebenskampf eine solche Therapie dringend benötigen, angeschlossen werden. Manchmal fehle einfach das Personal, sagt Janssen. Erst kürzlich habe man deswegen zwei Patienten in die Charité verlegen müssen.

NEUE SERIE

Mehr als ein Jahr Pandemie – und die Berlinerinnen und Berliner sind immer noch im Dauerstress. Weil sie den Corona-Alltag mit all seinen Beschwernissen bewältigen müssen, weil sie Patienten pflegen und behandeln, Kinder und Jugendliche unterrichten und betreuen, als Taxifahrer, Paketboten, Polizisten unterwegs sind.

In unserer neuen Serie besuchen wir Frauen, Männer, Familien, die wir zu Beginn der Pandemie getroffen haben, erneut und fragen: Wie geht es Ihnen heute?

Auch Susanne Rietsch ist zu unserem Treffen gekommen. 20 Jahre hat sie auf der Intensivstation F2 gearbeitet. Zuletzt als stellvertretende Pflegeleiterin der Covid-19-ITS. Angst, sich mit dem Virus anzustecken, hatte sie schon bei unseren ersten Treffen nicht mehr. Weil die Sicherheitsmaßnahmen auf der F2 streng waren, jedes Patientenzimmer nur über eine Schleuse erreichbar war. Nun sind sie und ihre Kollegen längst geimpft. Das macht den Kopf von bestimmten Sorgen frei, aber die Arbeit nicht leichter.

Wie schwer es die Schwestern und Pfleger auf der F2 haben, weiß Susanne Rietsch, eine freundliche Frau, die viel lächelt. Ihren Beruf nennt die 44-jährige alleinerziehende Mutter den schönsten der Welt. Aber sie weiß auch, dass dabei gerade alle an ihre Grenzen stoßen. „Wir haben einen hohen Krankenstand“, erklärt sie mit ernstem Blick. Die Kolleginnen und Kollegen seien nicht an Covid erkrankt, sondern maximal ausgebrannt. „Die Erschöpfungsphase nach einem Jahr Pandemie ist bei allen erreicht. Jeder wünscht sich, dass es vorbeigeht“, sagt Rietsch.

Die Impfung macht den Kopf frei, aber die Arbeit nicht leichter

Sie haben zu viele Patienten gesehen, die gestorben sind. Die Betten von Menschen, deren Betreuung Schwestern, Pfleger und Ärzte bei Schichtende abends in die Hände von Kollegen gelegt hatten, waren morgens leer, als sie wieder zum Dienst erschienen. Vor allem im November, Dezember und Januar war die Sterberate auf der F2 hoch. „Natürlich macht das etwas mit uns. Auch wenn der Tod auf einer Intensivstation eigentlich immer allgegenwärtig ist“, sagt Rietsch. Aber auf die Vielzahl der Sterbenden war niemand vorbereitet. Auch nicht auf den stillen, einsamen Tod ohne Angehörige und Freunde. „Niemand sollte so sterben müssen.“ Eigentlich sei ein Krankenhaus dafür da, Kranken zu helfen, wieder gesund zu werden. Sie sieht in jedem Toten eine Niederlage im Kampf gegen das Virus. Derzeit liegen auf Berlins Intensivstationen insgesamt 325 Corona-Patienten, 195 von ihnen müssen beatmet werden.

„Solche Bilder knipst man nicht einfach aus, wenn man nach Hause geht“, bestätigt ihr ärztlicher Kollege. Hans-Joachim Janssen sagt, dass er gut mit der Situation umgehen könne, er mache den Job schon sehr lange. Und er hat eine Frau, mit der er über seine Arbeit reden kann, die ihn versteht, weil sie selbst Ärztin ist und in ihrer Praxis mit Covid-19-Patienten zu tun hatte. „Aber ich weiß, dass jüngere Kollegen jeden Tag ein erhebliches Päckchen mit nach Hause nehmen“, sagt Janssen.

Als wir uns in der ersten Welle der Pandemie trafen, erzählten der Oberarzt und die stellvertretende Pflegeleiterin der F2 schon ein wenig stolz, dass sie – anders als andere Krankenhäuser des Landes – auf ihrer Intensivstation noch keinen einzigen Patienten verloren hatten. Nun ist die Bilanz ernüchternd. 1280 Patienten, die sich mit dem Virus infiziert hatten, wurden im Unfallkrankenhaus behandelt. 159 Frauen und Männer starben, etwa die Hälfte davon auf der Intensivstation. Die meisten waren über 70 Jahre alt. „Es waren trotz ihres Alters größtenteils Menschen, die noch rüstig und mobil waren“, sagt Janssen. Mittlerweile liegen jüngere Patienten auf der F2. „Wir merken, dass die Altersgruppe 70 plus schon durchgeimpft ist“, erklärt der Oberarzt. Er ist dafür, die Priorisierung aufzuheben. Damit es schneller vorangeht mit dem Impfen.

Und der Wunsch, sich impfen zu lassen, sei groß, davon ist Janssen überzeugt. Er erzählt, dass seine Frau in ihrer Praxis jeden Tag 80 Mails erhalte – mit der Bitte um einen Impftermin. Der Intensivmediziner versteht die Menschen. Schließlich sei Impfen die einzige Chance, aus der Pandemie herauszukommen. Janssen weiß, was Corona bedeutet, nicht nur, weil er Chef der F2 ist. Er ist auch Vater zweier kleiner, schulpflichtiger Kinder, und er weiß, was Homeschooling bedeutet. Er selbst stellt schon „Corona-Abnutzungserscheinungen“ fest. Er hat keine Lust mehr, nach Feierabend noch ein Buch zur Hand zu nehmen oder sich vor den PC zu setzen. Janssen befürchtet, dass im Herbst die Zahl der Infektionen wieder nach oben schießen wird. Er sei kein Pessimist, beteuert er. Nur Realist.

„Das Virus ist gekommen, um zu bleiben“

Susanne Rietsch geht es ähnlich. Sie ist froh, dass mittlerweile auch ihre Eltern geimpft sind. Diese kümmerten sich in der Vergangenheit immer wieder um ihre Enkelin, holten sie von der Kita ab, wenn Rietsch im Schichtdienst war. „Meine Tochter versteht schon, was Corona bedeutet“, erzählt sie. Die Kleine sei sechs Jahre alt geworden und werde im August eingeschult. „Es wäre schon schön, wenn man die Einschulung ein bisschen planen, ein bisschen feiern könnte. Das ist ja doch ein ganz besonderes Ereignis im Leben eines Kindes“, sagt sie. Was sie sich wünscht von der Politik? Sie zögert keinen Moment, als sie sagt: „Eine Impfpflicht.“

Nach dieser letzten Frage verlässt Susanne Rietsch die F2. Sie muss auf die Weaning-Station, die in der neuen Reha-Klinik liegt. In fünf Tagen werden dort, wo Menschen vom Beatmungsgerät entwöhnt werden sollen, die ersten Patienten erwartet. 15 Betten gibt es auf der neuen Station, in der sie die Pflegeleitung übernommen hat. „Ich gehe mit etwas Wehmut von der F2. Aber es ist eine tolle neue Arbeit, die genauso wichtig ist“, sagt Rietsch. Voraussichtlich wird sie dort auch mit Corona-Patienten zu tun haben, die lernen müssen, wieder ohne Maschinen zu atmen. Bis es so weit ist, hilft sie noch auf der F2 aus, wenn es nötig ist. Und das ist nicht selten der Fall.

Hans-Joachim Janssen ist sich sicher, dass sie im Unfallkrankenhaus noch einige Zeit lang Covid-Patienten das Leben retten müssen. „Das Virus ist gekommen, um zu bleiben“, sagt er fast philosophisch. Er weiß, dass er ein hochmotiviertes Team hat. Aber er weiß auch, wie ausgepowert alle sind. Im vergangenen Jahr hat er die Kolleginnen und Kollegen seiner Station zweimal eingeladen. Sie haben in seinem Garten gesessen, gegessen und getrunken und sich alles von der Seele gequatscht, wie Janssen sagt. So wolle er es wieder halten, sobald es wärmer geworden und solch ein Treffen wieder vertretbar sei.

Nun ist es Zeit für die Visite. Zuvor aber muss der Oberarzt noch seine rote Kleidung gegen den weißen Arztkittel tauschen. Später wird er mit den Familien eines jeden Patienten telefonieren. Er nimmt sich Zeit dafür. „Sie haben schließlich ein Recht, zu erfahren, wie es ihren Angehörigen geht“, erklärt er. Nicht für jeden wird er eine gute Nachricht haben.