Michael Meier und seine Frau Elisabeth Meier-Brügger spielen das Alphorn.
Foto: Volkmar Otto

BerlinWenn diese Musiker ihre Instrumente auspacken und spielen, bleibt einfach jeder stehen – denn Alphorn-Spieler sieht man in Berlin nicht an jeder Ecke. Doch es gibt sie! Seit dem vergangenen Jahr hat die Hauptstadt nun sogar den ersten Alphorn-Verein. Einmal pro Woche treffen sich die Hobby-Musiker zu einer Probe irgendwo in Berlin.

Die Hörner sind zusammengebaut, die Musiker haben sich auf der Wiese vor dem Reichstag in einer Reihe aufgestellt, die ersten Töne erklingen – und etwas Seltsames passiert: Plötzlich bleiben auf dem nahe gelegenen Fußweg Spaziergänger und Touristen stehen, zücken ihre Handys. Sie filmen, sie fotografieren, sie freuen sich und staunen. Alphorn-Spieler vor dem Reichstag sind eben ein etwas ungewohntes Bild, die meisten verorten die mehr als drei Meter langen Hörner eher in den Bergen.

Doch auch in Berlin gibt es etwa 30 Spieler, erklärt Thomas Mosebach (56) vom Verein Alphorn Berlin e. V. Im vergangenen Jahr haben Mosebach und seine Mitstreiter diesen ersten Verein seiner Art in Berlin gegründet. „Die Gruppe entstand über die Schöneberger Musikschule – es ist eine der einzigen Musikschulen Deutschlands, in der es für den Unterricht Alphörner gibt.“

Mosebach spielte früher Jagdhorn, unter anderem in der Bundeswehr. Irgendwann kam er mit einem Freund ins Gespräch, der als Kirchenmusikdirektor arbeitete. „Er schenkte mir eine CD mit Konzerten für Alphorn und Orgel. Da sagte ich: Ich lerne jetzt Alphorn, und dann spielen wir bei dir in der Kirche ein Konzert zusammen.“ Als er später nach Berlin zog, entdeckte er die Schöneberger Musikschule.

Das Instrument sei, sagt er, nicht schwierig zu spielen. „Die Klänge werden nur über die Lippenspannung erzeugt, man muss sich keine Griffe merken. Die Erfolgsquote ist steil, was vor allem für Anfänger gut ist.“ Mit dem Üben ist es trotzdem schwierig. „Ich bin jetzt in eine neue Wohnung gezogen und habe Glück: Unter mir hat ein Steuerberater sein Büro, dort ist abends niemand da. Und mit den Nachbarn über mir kann man reden.“

Sogar echte Schweizer gibt es in der Gruppe. Elisabeth Meier-Brügger (74) und ihr Mann Michael (72) kommen aus Aarau. „Als mein Mann mit 65 Jahren in Pension ging, wollte er das Alphorn lernen“, sagt Meier-Brügger. Sie holten das Instrument seines Vaters nach Berlin, ein zweites Exemplar für die 74-Jährige ließen sie in der gleichen Werkstatt anfertigen. „Wir suchten uns eine Lehrerin, begannen mit dem Spielen.“ Am Anfang seien nur einzelne Töne gekommen, aber inzwischen erkennen auch Freunde und Bekannte schon Melodien. „Das Spielen macht uns einfach Freude – und ist sogar gut für die Atmung.  Ich hatte früher regelmäßig Lungenentzündungen – seit ich Alphorn spiele, habe ich keinen Husten mehr gehabt.“

In der Gruppe treffen sich Musiker draußen zum Proben, spielen spontan in Parks oder Gärten. Eigentlich sollte in diesem Jahr sogar eine Konzertreihe auf Berliner Bergen stattfinden, doch Corona funkte dazwischen. Dafür werden die öffentlichen Proben nun auf Instagram angekündigt. Weitere Infos: https://alphorn.berlin

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