Berlin - Ruller ruller fahren die Elektrischen, Gelbe mit Anhängern, über den holzbelegten Alexanderplatz...“ Die Elektrischen. So heißen die Straßenbahnen in Alfred Döblins Buch über den Transportarbeiter Franz Biberkopf, der nach der Haft anständig sein will. Titelgeber des Buches ist aber der Platz, an dem er am Ende steht, und zwar „sehr verändert, ramponiert, aber doch zurechtgebogen.“ Ein konsequenter Titel, agiert doch der Alex, und mit ihm die ganze Stadt, als eigentlicher Hauptakteur im Roman. Ständig in Veränderung, immer ramponiert, gebogen, gebrochen, geflickt und auf ein Neues. Daran hat sich nichts geändert, nur dass heute, wenn der Alex von Holz überdeckt ist, irgendein Markt stattfindet.

An Döblin muss ich immer denken, wenn ich über den Alex laufe. Oder über den Alex nachdenke. Auch letzte Woche, als ich an dieser Stelle über den Platz schrieb, seine unverschuldete Hässlichkeit und das Schöne an ihm. Ein Sonnenhut flog fast davon. Bei Döblin heißt es: „Wind gibt es massenhaft am Alex, an der Ecke von Tietz zieht es lausig. Man möchte sich in die Kneipen verstecken, aber wer kann das (...) man muss lustig sein bei dem Wetter.“

Das Kaufhaus Tietz gab es schon nicht mehr, als ich Mitte der 90er zum ersten Mal nach Berlin fuhr, den Döblin im Gepäck. Eine Freundin und ich fuhren mit einem winzigen Auto an einem frühen Wintermorgen los.

Auf halber Strecke machten wir auf einem Rastplatz ein Nickerchen. Als wir wach wurden, hatten sich an den Innenseiten der Scheiben Eisblumen gebildet und der vom Vorabend übrig gebliebene Gemüse-Eier-Reis, den wir als notorische klamme Studentinnen in einer Tupperdose für die erste Mahlzeit in Berlin mitgenommen hatten, war gefroren. In der Pension am Ku’damm, wo wir günstig ein halbes Zimmer bekommen haben, versuchten wir, den Reis auf der Heizung aufzutauen.

Der Alexanderplatz ist die Taube unter den Plätzen 

Halbes Zimmer ist wörtlich zu verstehen: Eine Rigips-Wand war durch ein ursprünglich doppelt so großes Zimmer gezogen worden. Das sah man, weil der Stuck an der Decke einfach an der Wand aufhörte. Der Reis blieb übrigens kalt. Aber mir war alles egal. Ich wollte Berlin sehen und vor allem den Alex.

Dort war fast nichts so, wie ich es mir ausgemalt hatte. Ich stand auf dem Platz und suchte den Platz, suchte Menschen und Tauben. Irgendwas Lebendiges. Der Winter pustete nicht, er biss. Nicht mal mit dieser Kälte hatte ich gerechnet, trotz Döblins Windpassagen. Für die Weltzeit und ihre Farben hatte ich keinen Blick.

Trost kam in Gestalt einer Elektrischen um die Ecke. Sie rullerte zwar nicht und hieß auch 1996 oder 1997 schon Straßenbahn oder Tram. Aber sie war gelb. Menschen saßen darin, sogar eine Taube hüpfte zur Seite und sah aus, als ob ihr das Spaß mache. Hat es sicher nicht, aber: „Man muss lustig sein bei dem Wetter“, dachte ich. Bei jedem Wetter. Vor allem auf dem Alex, dann kann man ihn, durch alle Zeiten und Winde, mögen. Er ist eben die Taube unter den Plätzen.