Berlin - Nein, der Rechtslage entspricht die Wohnsituation von etwa 50 Bulgaren in der Ruine der alten Eisfabrik an der Köpenicker Straße in Mitte eindeutig nicht. Im Boden sind Löcher, auf einem gigantischen Müllberg im Keller hausen Ratten, gekocht wird auf Lagerfeuern, wer an der falschen Stelle daneben tritt, landet zwei Etagen tiefer.

Über das Leben in diesem Haus haben wir schon einmal berichtet. Die Bauaufsicht des Bezirks hat den Eigentümer jetzt aufgefordert, das Gebäude räumen und gegen unbefugtes Betreten sichern zu lassen. Wohl fühlen sich die Mitarbeiter der beteiligten Behörden dabei aber nicht. Wissen sie doch, dass die Betroffenen auf der Straße noch härtere Lebensbedingungen haben werden. Einmal mehr offenbart sich hier die Hilflosigkeit der Stadt, mit einer Zuwanderung aus ärmeren Regionen der Welt umzugehen.

Den Bescheid hat das Bezirksamt von Mitte der Bochumer Telamon Vermögensverwaltung, der das Grundstück direkt am Spreeufer gehört, Ende Oktober zugestellt. Darin heißt es, der Eigentümer solle das Gebäude dauerhaft gegen das Betreten Unbefugter sichern. „Es ist nicht zum Wohnen geeignet“, sagt Tanja Lier, die Leiterin der Bauaufsicht. Gemeint sind damit nicht jene Sperrholzverschläge, die sich die Bewohner, die zum Teil schon seit mehr als einem Jahr hier leben, in der alten Fabrik gebaut haben. Wie kleine Häuschen sind sie über die Etagen verteilt, mit Planen und Dämmstoffen gegen Wind und Kälte verkleidet.

Strom und Heizung gibt es nicht. Wasser auch nicht. Diese Dinge fallen ins Auge, der Bauaufsicht geht es aber um etwas anderes. „Das Treppenhaus ist nicht sicher. Es hat dort schon mal gebrannt. Es ist gefährlich“, sagt Tanja Lier. Die Behördenleiterin hat eine Menge guter Argumente, die ihr Handeln erklären. Und trotzdem fühlt sie sich offenbar unwohl. „Ich gehe ins Gefängnis, wenn etwas passiert und ich nichts gemacht habe. Ich muss die Bewohner auch gegen ihren Willen schützen.“

Ratlosigkeit beim Grudnstücksbesitzer

In Bochum hat sich Thomas Durchlaub, der Geschäftsführer von Telamon, bisher gegen alle Ansinnen von Berliner Behörden, an dem Zustand etwas zu ändern, gewehrt. So blieb auch eine frühere Anordnung, das denkmalgeschützte Gebäude zu erhalten, bisher folgenlos. Seit 1990 steht die Fabrik, in der die Norddeutschen Eiswerke einst produzierten, leer und verfällt.

Durchlaub stellt sich auch gegen die aktuelle Aufforderung zur Räumung. Vor drei Tagen ging beim Berliner Verwaltungsgericht sein Antrag auf einstweiligen Rechtsschutz ein, wie Sprecher Stephan Groscurth bestätigt. Das Gericht hat daraufhin das Bezirksamt aufgefordert, erstmal nicht zu räumen. Darüber muss nun Tanja Lier erstmal nachdenken und abwägen, wie groß sie die Gefahr für Leib und Leben einschätzt. „Wir prüfen, wenn die Erwiderung des Amtes da ist“, sagt der Gerichtssprecher. Darüber können schon mal ein paar Monate vergehen. Die Kammer sei mit baurechtlichen Sachen sehr belastet, sagt Stephan Groscurth.

Thomas Durchlaub beobachtet das Berliner Behördenhandeln aus Bochum mit einer gewissen Ratlosigkeit. Im Mai habe der Bezirk nach einer Begehung die Gefahr noch als abstrakt aber nicht akut eingeschätzt. Der Sachstand habe sich nicht verändert, sagt er. „Nun soll ich bis auf eine Höhe von fünf Metern alles zumauern. Aber ich kann doch keine Menschen einmauern und räumen lassen kann ich sie auch nicht. Ich kann ihnen ja nicht mal Post zustellen“, sagt Durchlaub.

Er ärgert sich auch. Die Berliner Behörden würden das Problem der Zuwanderung einfach auf die Grundstückseigentümer abwälzen. „Das kann man aber nicht mit Ordnungsverfügungen an Eigentümer lösen“, sagt Durchlaub. Es liege in der Verantwortung des Bezirks, sich um die Menschen zu kümmern. Vor Gericht will er das nun klären.

Ursprünglich hatte Durchlaub das Gebäude gekauft, um daraus ein Kulturzentrum zu machen. Daran halte er fest. Nun wartet er darauf, dass sich auch die Umgebung entwickelt. Ein Zeltlager von Stadtindianern direkt vor der Tür der Eisfabrik spricht in Durchlaubs Augen allerdings dafür, dass das noch eine Weile dauern kann.