Berlin - Normalität ist ein schönes Wort – zumindest in nichtnormalen Zeiten. Das Wort steht für das Selbstverständliche, das eigentlich gar nicht mehr erklärt werden muss. Normalität ist das, was die Mehrheit als normal, als wünschenswert ansieht. Doch die Normalität hat es nicht leicht in einer Welt, die aus der Zeit gefallen ist und in der die Wünsche oft weit entfernt sind von der Realität – wie in der Corona-Zeit.

Wie sehr die Normen in den vergangenen Monaten aus der Bahn geworfen wurden, zeigt sich am Beispiel der Schulen: Es ist festgelegt, ab welcher Inzidenz sie schließen müssen, nicht definiert wurde aber, ab welchem Wert sie wieder öffnen. So, als wäre die Schulpflicht und die Rückkehr zur Normalität für Kinder nicht so wichtig. Und so will Brandenburg die Schulen vor den Sommerferien noch mal öffnen, Berlin aber verweigert weiter das Recht auf das gemeinsame Lernen in den Klassen. Das ist mehr als ärgerlich.

Denn es gibt eine gefühlte Entspannung. Die impfenden Ärzte sind zwar oft am Limit, aber die dritte Welle flacht deutlich ab: Pfingsten haben viele ein Wochenende lang wieder ein wenig Normalität erlebt. Das ist ein schönes Symbol: Allen Unkenrufen zum Trotz wird die Normalität gewinnen. Irgendwann.

Doch halt: Das Denken in normalen Kategorien wird oft unnötig erschwert durch nicht überzeugende Verbote: Die Aerosolforscher haben in Studien gezeigt, dass die Ansteckungsgefahr unter freiem Himmel sehr gering ist. So gering, dass sie für die Gesamtlage vernachlässigt werden könne und dass sich darauf konzentriert werden sollte, die hohe Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räumen zu minimieren. Was passiert in der Realität? Auf dem Kudamm oder auf der Bölschestraße muss Maske getragen werden. Und die nächtlichen Ausgangssperren galten auch in den Dörfern, in denen nachts fast niemand unterwegs ist und wenn, dann allein.

Solche Absurditäten fördern die Ängste bei den Ängstlichen, weil die dann nicht mehr wissen, wem sie nun glauben sollen. Statt sich auch mal über Fortschritte zu freuen, regiert oft weiterhin die Sorge. Der Mitmachwille der Bevölkerung wird nicht gelobt, sondern eher der Verdruss gefördert. Das führt bei manchen Leuten dazu, dass sie sich nicht mal mehr an sinnvolle Regeln wie das Abstandsgebot halten.

Die Angst, dass das Leben nicht wieder locker wird

Viele junge Leute, die sich in der Verbotszeit in ihrem Drang nach prallem Leben massiv eingegrenzt sehen, klagen am lautesten. Viele von ihnen fürchten, dass die Regeln des Zusammenlebens so gravierend verändert wurden, dass eine Rückkehr zur früheren Leichtigkeit nicht mehr möglich ist.

Doch das ist ein Irrtum. Denn alte Gewohnheiten sind stärker als neue Ängste, vor allem weil sich die aktuellen Ängste abnutzen, Gewohnheiten aber gerade nicht, sonst wären sie keine Gewohnheiten. Grundsätzlich fällt das Vergessen den meisten Menschen sehr viel leichter als das Erinnern. Erinnern ist Arbeit, Vergessen ist Alltag. Andererseits geht im Zeitalter des Internets nichts  verloren. Das Vergessen scheint unmöglich.

Doch die allerwenigsten Menschen hatten selbst Corona. Es prägt ihr Leben also nicht auf Dauer. Und die meisten bringen schon heute durcheinander, welches Verbot vor drei Monaten oder drei Wochen galt. Dazu kommt: Niemand redet gern über Krankheiten, Gesellschaften verdrängen sie meist. Nach der verheerenden Spanischen Grippe prägten die lebensverrückten Goldenen Zwanziger die Welt. Und auch die letzte große Influenza-Pandemie – die Hongkong-Grippe – wurde von den Nichterkrankten schnell vergessen. Die Zeit nach 1968 blieb wegen anderer Ereignisse im kollektiven Gedächtnis.

Das Leben läuft zur Hochform auf

Und so wird auch unser Leben irgendwann wieder zu Hochform auflaufen mit vollen Fußballstadien und Konzerthallen. Das ist einerseits gut und lässt mehr Sonne ins Herz. Aber das allgemeine Vergessen ist auch ein Dilemma. Die Weltuntergangsstimmung nach der Finanzkrise 2008 war recht schnell wieder verdrängt und nötige Korrekturen von Fehlentwicklungen blieben aus.

Das ist der Wermutstropfen für den aktuellen Optimismus. Beim Umgang mit Corona wurden auch reichlich Fehler gemacht. Vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, wurde oft übertrieben. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte wohlwissend schon früh: „Wir werden uns viel verzeihen müssen.“ In neuen Situationen ist jeder Fehler erlaubt, aber auch die Korrektur von Fehlern ist Pflicht. Die blieb oft aus. Nun wird es wichtig sein, die Fehler zwar zu verzeihen, aber nicht zu verdrängen, damit unnötige Übertreibungen beim nächsten Mal unterbleiben und nicht als normal gelten.