Wo sie endet, ist auch Berlin vorbei: Die Alte Hellersdorfer Straße grenzt an Brandenburg. Als Teil der Großwohnsiedlung Hellersdorf  in den 80er-Jahren entstanden, war sie Teil eines ehrgeizigen Projekts der DDR. Während es Teilen des Viertels heute recht gut geht, die Bewohner der sanierten Plattenbauten ihr Wohnumfeld loben, bleibt die Alte Hellersdorfer Straße eine Herausforderung. Vor allem nördlich der Zossener Straße ist sie zum sozialen Brennpunkt geworden. Die Zahlen aus dem vor Kurzem veröffentlichten Sozialbericht des Bezirks Marzahn-Hellersdorf bestätigen das. Fast jeder zweite der 6700 Bewohner der zwei Kilometer langen Straße lebt von Hartz IV. Ein Besuch.

Alleinerziehend, vier Kinder

Von der Armut in der Alten Hellersdorfer Straße sind auch die Kinder stark betroffen. Zwei Drittel aller Kinder unter sechs Jahren leben in Hartz-IV-Haushalten. Diese Zahl steigt seit Jahren und hat auch damit zu tun, dass  46,1 Prozent der Mütter und Väter   alleinerziehend  sind – ein Armutsrisiko. Auch Sarah Derichs. Sie ist 24 Jahre alt, hat vier Kindern von vier Männern, ihre Ausbildung abgebrochen und 15.000 Euro Schulden.

Es war mal schön

Es gab Zeiten, da fühlte sich Andreas Bock wohl im Kiez. Heute hat der 62-Jährige Angst. „Die Gegend ist furchtbar geworden. Leider kann ich es mir nicht leisten wegzuziehen. Nach Einbruch der Dunkelheit traue ich mich nicht mehr hinaus.“ Ein Halbstarker, den Bock fragte, warum er im Hausflur herumlungere, trat ihm ins Gesicht. Heranwachsende werden  hier öfter gewalttätig, meist geht es um Geld. Mehr als 1000 Jugendliche unter 15 Jahren leben in als arm geltenden Familien.

Kinder und Gangs

Der Spielplatz im weiten Hof zwischen den Häusern wirkt trist. Der Sand ist dreckig, die Geräte sind schmutzig. Abends ist das Seilgerüst beliebter Treffpunkt von Jugendlichen, mittlerweile haben sich Jugendgangs gebildet. Die beschäftigen regelmäßig die Polizei wegen Vandalismus, Diebstahl, Raub.  Die meisten der minderjährigen Täter werden nicht erwischt. Ende Februar hatten die Ermittler Glück, schnappten in der Alten Hellersdorfer Straße einen „kiezorientierten Mehrfachtäter“. 14 Jahre ist er alt. Mit einem 17-jährigen Komplizen bedrohte er einen Schüler, stahl dessen Handy.

Auf ein Bier

Schon in den Vormittagsstunden ist die Helly Bar gut besucht. Viele, die in der Straße wohnen, nutzen sie als Treffpunkt mit den Nachbarn. Besser, als den ganzen Tag in der Wohnung zu sitzen. Fast 15 Prozent der Bewohner der Alten Hellersdorfer Straße haben keine Arbeit. Das ist der höchste Wert in Marzahn-Hellersdorf. Der Berliner Schnitt liegt bei 9,6 Prozent. Auch der Supermarkt-Parkplatz ist ein beliebter Treffpunkt, oder die Imbisse an der Straße. Oft geht es rau zu. Man kommt nun mal nicht nur zum Reden her, sondern auch zum Trinken.

Neuanfang im Osten

Sabine Hübner lebt noch nicht lange im Kiez. „Meine alte Bleibe in Spandau konnte ich mir nicht mehr leisten“, so die 50-Jährige. Am anderen Ende der Stadt wagt Hübner einen Neuanfang. Die Zwei-Zimmer-Wohnung zahlt der Bezirk. „Mehr als 20 Jahre war ich mit einem Alkoholiker verheiratet. Um mir selbst etwas Gutes zu tun, habe ich geshoppt. Aus dem Katalog. Besonders Klamotten hatten es mir angetan.“ 45.000 Euro Schulden hat Sabine Hübner so angehäuft.

Die Bücher warten

Die Stadtbibliothek „Ehm Welk“ kämpft tapfer um Besucher. Auf 800 Quadratmetern gibt es mehr als 57.500 Bücher, CDs und DVDs, täglich kommen Kita- und Schulklassen. Die Bildung im Bezirk ist jedoch auf einem niedrigen Niveau. 2015 schafften 14,8 Prozent der Schulabgänger keinen Abschluss, 22,3 Prozent einen Hauptschulabschluss. Das sind höhere Zahlen als in jedem anderen Bezirk. Ein unguter Kreislauf, wie auch der Sozialbericht feststellt: „Geringe Bildungsabschlüsse sind häufig Ursache von Arbeitslosigkeit und materieller Armut.“