Wenn das Kind nichts mit sich anzufangen weiß, läuft es zum Spieleschrank, räumt einen ganzen Stapel aus und steigt damit eine Etage höher. Dort wohnt meine Mutter. Ein bis drei Stunden später kommt das Kind wieder herunter und berichtet, die schmale Brust auf Gorillagröße aufgeplustert, wie er die Oma „abgezockt“ hat.

Manchmal sieht das Kind auch vom Balkon aus, dass seine Oma Besuch hat und gespielt wird. Dann rennt es nach oben, um mitzumischen. Meine Mutter ist gesellig, viele ihrer Freundinnen sind so alt wie sie, einige älter. Wenn sich bei einem Abendessen ihre Welt mit unserer mischt, liegen zwischen der jüngsten und der ältesten Person am Tisch 60 bis 70 Jahre. Früher war das nur auf Familienfesten so.

Alzheimer Tanzcafé: Körper erinnern sich an Musik

Wenige Jahre lang war bei solchen Anlässen die Spanne noch größer, weil das große Kind seine Urgroßeltern noch kennengelernt hat. Wenig originell, aber wunderschön ist ein Foto, auf dem die winzige, glatte Hand des Babys in der kräftigen, von tausend Runzeln und fast so vielen Ringen geschmückten meiner Oma liegt. 

Mein Großvater wurde über 90 und seine älteste Tochter, meine Mutter, hat bis zum letzten Atemzug seine Hand gehalten. Die letzten Jahre seines langen Lebens war er dement. Heute sitzt meine Mutter manchmal an Betten von über Hundertjährigen und begleitet ihr Sterben. Wenn sie von ihrem Ehrenamt erzählt, denke ich an meinen Opa. Und an eine Reportage, die ich vor einigen Jahren schrieb. Sie führte mich in ein „Alzheimer Tanzcafé“. Ich traf dort auf Menschen, deren Körper sich an die Musik erinnerten. Sobald sie endete, mussten sie wieder gestützt werden. Ich weiß noch, wie glücklich ich war, zu sehen, wie viele Hände sich auch hier fanden. Jeder von uns braucht mal eine, am Anfang und Ende des Lebens jedoch besonders.

Alte Menschen gehören zum Leben dazu

Darum ging es auch in einem Text von Julia Haak vor etwa zwei Wochen in dieser Zeitung. Kein Tag vergeht, ohne dass ich an ihn denke. Nämlich immer dann, wenn ich alte Menschen sehe. Die Kollegin schrieb über den „Hoffmannsgarten“, eine Tagespflegeeinrichtung für demente Menschen. Die Gründerin hatte große Probleme, Räume zu finden. Viele Vermieter wollten mit den Alten und Kranken nichts zu tun haben. Mit ihnen brächte Hoffmann den Tod. Die Wohnqualität leide. Man solle doch bitte ins Umland gehen, wo man die „Kundschaft“ nicht sähe. Ich konnte nicht glauben, was ich da las. Mir wurde kalt.

Ich stelle mir eine Welt vor, in der es das Bild einer glatten in einer runzligen Hand nur auf Sinnspruchkarten gibt. In der Kinder an den Rand der Stadt fahren müssen, um alte Menschen zu sehen. Und auch all jene, die sie durch die letzten Jahre begleiten, ob hinter einem Rollstuhl oder an der Hand. Ob auf der Tanzfläche oder einer Bettkante. Ich will so eine Welt nicht. Keiner kann sie wollen. Oder nur, wer alles Wichtige vergessen hat: Was das Leben ist. Was es mit dem Sterben zu tun hat. Und welche Rolle Nähe in beidem spielt.