Der Beatle Ringo Starr in den 60er-Jahren. Nun ist er achtzig Jahre alt geworden.
Foto: imago images / United Archives International

BerlinDer erste Beatle ist am Dienstag dieser Woche achtzig Jahre alt geworden. Ach herrje! Ringo hat das Alter erreicht, das man vor einem halben Jahrhundert noch fast als biblisch bezeichnet hätte. Im Oktober würde ihm John Lennon folgen, wenn er nicht 1980 in New York erschossen worden wäre.

Warum ich das alles erzähle? Weil es direkt mit meinen Erinnerungen zu tun hat. Der 8. Dezember, an dem Lennon erschossen wurde, war mein 19. Geburtstag. Und als ich in meiner Berufsschule an der Jannowitzbrücke ankam, gratulierten mir meine Mit-Lehrlinge, setzten aber sofort hinzu: „Und ooch noch herzlichet Beileid wejen Dschonn Lennon!“ Sie guckten mich mit Trauermiene an, als wäre meine Oma gestorben. Denn ich war der einzige echte Beatles-Fan in der Klasse. Damals leierte alles mögliche aus den Kassettenrecordern – von AC/DC bis Udo Lindenberg. Aber die Beatles? Das waren Oldies, seit zehn Jahren getrennt.

Als Kind hatte ich seltsamerweise gar nicht gewusst, dass die Beatles mehrere waren. Es gab sie nur in der Einzahl: „den Beatle“. „Du siehst aus wie’n Beatle! Jeh mal wieda zum Frisör“ – solche Sprüche hörte man. Denn „der Beatle“, das war kein Künstler, kein Musiker, sondern eine Art Gammler mit wuscheligem Pilzkopf oder „langen Loden“, von Westkultur geschädigt, maulfaul und träge, eigentlich zu nichts zu gebrauchen. Das sollte mal der Beatle Paul McCartney hören, der ehrgeizige Workaholic.

Neulich fand ich im Internet ein altes Dokument. Der FDJ-Sekretär einer Zwickauer Kohlengrube beschwerte sich 1971 beim Rektor der Uni Greifswald über Studenten, die die Grube besucht hatten. „Wir müssen Ihnen mitteilen, dass das äußere Bild der Mehrzahl dieser jungen Menschen schockierend auf die Werktätigen unseres Betriebes wirkte“, schrieb der FDJ-Sekretär. „Dass derartige Haarmähnen und wild sprießende Bärte zum Habitus eines Studenten einer sozialistischen Hochschule gehören, ist für die Werktätigen des Martin-Hoop-Werkes völlig unverständlich.“

Solche Reaktionen fand man nicht nur in meinem Land, sondern überall auf der Welt. Die Älteren und Orthodoxen – welcher Religion auch immer – stießen sich am Äußeren. Die Jungen begeisterten sich an der Musik – oder besser gesagt an „der Monotonie des Yeah, Yeah, Yeah und wie das alles heißt“. So beschrieb es der DDR-Staatschef Walter Ulbricht einst. Es hätte nichts genützt, mit ihm zu streiten, dass es nichts weniger Monotones gab als die Beatles.

Mich jedenfalls schlugen sie in ihren Bann. Ich nahm alles auf, was mir unter die Recordertasten kam. Ich fuhr nach Polen, um mir Original-Platten zu kaufen – für umgerechnet zehn Monatsmieten im Studentenwohnheim. Daran kann man sehen, wie teuer die Platten für uns Ossis waren, aber auch wie billig die Wohnheimmiete.

Die Jahrzehnte rasten. Eben noch sang Paul McCartney „When I’m sixty four“ – und nun wird er in zwei Jahren auch schon achtzig. Ringo sieht noch immer aus wie ein niemals alternder, lustiger Vogel. Er hat eine Kleine-Jungs-Frisur (nichts mehr von Pilzkopf) und sagt ständig „Peace and Love!“. Und genau darum ist es ja wohl die ganze Zeit gegangen, während andere um Frisuren und Bärte stritten.