Berlin - Ziemlich genau vor einem Jahr, am 7. August 2012, berichtete die Berliner Zeitung über den damals nur geplanten Abriss der beiden 1967 und 1968 entstandenen Säle für Musikwissenschaften und für Gesellschaftswissenschaften. Gestaltet worden waren sie nach den Plänen des Hausarchitekten der „Stabi“, Wolfgang Kinckert. Räume, die mit ihren leicht wirkenden Holzeinbauten, eleganten Galerien und glitzernden Kronleuchtern im International Style der 1960er-Jahre ein herausragendes Denkmal der Architektur- und Designgeschichte der DDR und ihrer Bibliotheksgeschichte waren. Hier zeigte die DDR, dass sie modern sein und an die Geschichte erinnern wollte – über den Einbauten Klinckerts waren die kaiserzeitlichen Stuckdecken sorgfältig erhalten worden.

Genau deswegen sieht die Denkmalpflegemethodik eigentlich die Bewahrung aller künstlerisch oder historisch wertvollen Schichten eines Gebäudes vor. Trotzdem hat das Berliner Landesdenkmalamt dem Abbruch der beiden Säle schon im Jahr 2000 zugestimmt. Zwar protestierten international renommierte Fachleute. Dennoch ließen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Generaldirektion der Staatsbibliothek und das Bundesamt für Raumordnung und Bauwesen (BBR) im Frühjahr die beiden Säle zerstören. Der Abriss ging derartig wütend voran, dass noch die Möbel in den Räumen standen. Ein Zeichen sollte gesetzt werden: Wir werden uns doch nicht in unsere jahrzehntealten Planungen hereinreden lassen.

Idealschönes Bild von Preußen

Nun sind also das gewaltige Treppenhaus und das obere Foyer dran. Sie waren im Rahmen der ersten Wiederaufbaumaßnahmen nach dem Krieg neu gestaltet worden. Damals wurde der Schinkel-Klassizismus als „nationale Tradition“ von der SED als Architekturstil vorgegeben. Um den neubarocken Monumentalbau der Staatsbibliothek diesem Ideal anzupassen, wurde die Kuppel überm Eingang nicht wieder aufgebaut, erhielt das Treppenhaus eine nur mit Gesimsen eingerahmte Flachdecke, die jetzt zugunsten eines nachgebauten Gewölbes herausgerissen wird, das obere Foyer wurde statt mit grauem Terrazzo mit schimmerndem, roten Saalburger Marmor ausgelegt.

Diesen Stein liebte die frühe DDR, er wurde etwa im U-Bahnhof Thälmannplatz (heute Mohrenstraße) oder in der Staatsoper eingesetzt. Und wird dort selbstverständlich sorgfältig aufbewahrt. Zwar stammen die Platten entgegen der Legende mit großer Sicherheit nicht, wie die Kunsthistorikerin Biagia Buongiorno herausfand, aus der Reichskanzlei Hitlers. Aber wohl können sie aus den gewaltigen Lagern gekommen sein, die für die Planungen Speers zum Ausbau Berlins zu „Germania“ angelegt worden waren. Die Staatsbibliotheksarchitekten sind nicht so tief in ihre Archive gegangen, um diese historisch zweifellos wichtige Frage eindeutig zu klären.

Herausreißen und Neubau des weitgehend intakten, sorgfältig mit Randstreifen und großer Rücksicht auf die Steinmaserung verlegten Fußbodens im oberen Foyer kostet etwa 8000 Euro. Auf den ersten Blick nicht viel Geld. Doch handelt es sich hier eben um eine Grundsatzfrage: Genau wie der Abriss der Lesesäle und der Umbau des Großen Treppenhauses ist die Veränderung weder bautechnisch noch bibliothekarisch-funktional notwendig ist. Es wird rein aus architektonisch-geschmacklichen Gründen gehandelt, um ein idealschönes Bild von Preußen zu konstruieren.

Übrigens: Die Leipziger Nationalbibliothek (früher Deutsche Bücherei) hat die in ihrem prachtvollen Hauptbau zu DDR-Zeiten entstandenen Interieurs sorgfältig restauriert. Als Denkmale der Architektur- und der Bibliotheksgeschichte. Die Preußen-Stiftung ist weniger bereit, ideologisch inopportune Geschichtszeugen zu bewahren: Für den Südflügel der Staatsbibliothek kündigt sie die weitgehende „Entkernung“ an.