Eine Freundin ist gestorben, und ich suche Ruhe für Trauer und Rückschau. Meine Füße finden, wie von allein, den Friedhof in Weißensee. Dort wird sie nicht begraben, aber das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dem Tod ins Gesicht zu sehen und ein weiteres Mal zu begreifen, dass es auch einen friedlichen Ausdruck haben kann. Blicke schweifen zu lassen über Namen, Lebensdaten, Worte der Liebe. Freilich erblickt man auch Schrecken. Der dumpfen Sorte, wie er mich auch packt, wenn ich die Worte „Kindergrab“ oder „Sternenkind“ höre oder lese. Es sind Worte, von denen man sich wünscht, es bräuchte sie nicht.

Das Grabmal mit dem roten Engel darauf ist frei von Zahlen. Er strahlt Unschuld aus, Kindlichkeit. Ich widerstehe dem Impuls, einen anderen Pfad zu nehmen. Es fühlt sich nicht richtig an, vor diesem Wesenszug des Lebens die Augen zu verschließen. Dass es sehr kurz sein kann. Das Leben meiner Freundin hingegen war lang und reich. In den letzten Jahren musste sie viel ertragen. Krankheiten, Stürze, Verluste. All dem begegnete sie mit Tapferkeit und Humor.

Sie war eine alte Freundin. Alt im doppelten Sinne, wir kannten einander seit 17 Jahren, sie wäre fast 80 geworden. Ihre größte Angst war, zu erblinden, und dennoch ließ die Sehkraft nach. Sie war welthungrig, wollte wissen, was geschieht und verstehen. Doch selbst mit Brille, die sie manchmal suchte, konnte sie nicht mehr lesen in letzter Zeit.

Viele Jahre trafen wir einander im Café. Frühstück. Seit sie nur noch mit dem Rollator gehen konnte, besuchte ich sie. An einem Tisch, auf dem immer eine kleine Tischdecke lag, haben wir dann Brötchen geschmiert und Filterkaffee getrunken. Wenn sie wusste, dass ich komme, hatte sie immer Lachs da, weil ich den so mag.

Die letzten Male war sie immer ein bisschen dünner als zuvor. Trotz Lachs und Marmelade. Und das allerletzte Mal und Mahl, von dem ich nicht wusste, dass es ein solches ist, hätten wir uns fast vertagt. Aber nur fast. Weil man ja nie weiß.

Gegenüber dem Friedhof befindet sich ein Fußballplatz. Der Jubel der Jugendlichen klingt wie das Leben selbst. Meine Freundin hätte das nicht mehr sehen können, nur hören. Wie die Ruhe hinter mir. Beides hätte sie gemocht. Und die vielen Krokusse, die in hellem Lila zwischen den Gräbern blühen. Anfang und Ende. Aber das war ihr nicht mehr genug. Sie hat losgelassen. Ich bin sicher, mit einem friedlichen Ausdruck auf dem Gesicht.