Jegliches hat seine Zeit? Dutzende Miniaturgräber sagen etwas anderes. Die hier liegen, bekamen gar keine Zeit zum Leben. Aber sie hatten die Liebe ihrer Eltern. Viele hatten Namen, von einigen gibt es Fotos. Azaneh, Maxim, Baby Khaled, Matthilda, Emil, Finnian, Meryem… Sie fanden ihren Platz auf dem Alten St.-Matthäus-Friedhof in Schöneberg: früh geboren, tot geboren; manche sagen: still geboren.

Der Garten der Sternenkinder ist bunt und voller Bewegung. Windräder drehen sich, Luftballonherzen flattern, Teddys, Puppen, Engelchen mildern Trübsal und Trauer. Eine Gedenkstele bildet ein Spielzeugregal nach, ein Gitter formt einander haltende Kinderhände. Der im April 2008 eingeweihte Garten belegt mittlerweile vier Felder. Seit 2013 haben Eltern das Recht auf Beerdigung ihrer Sternenkinder, ganz gleich, ob sie mehr oder weniger als 500 Gramm wogen. Für 270 Euro Gebühr besteht das Grab 20 Jahre lang, Sargkistchen können die Eltern selber basteln oder kaufen. Ganz selbstverständlich liegen Sternenkinder muslimischer Eltern auf dem evangelischen Friedhof neben anderen. Kreuze gibt es nicht. Niemand wird abgewiesen. Der Alte St.-Matthäus-Friedhof gehörte schon immer zu den offensten der Stadt, auch für Neu-Bewohner.

Das Grabmal mit der roten Schleife

20 Jahre bevor die Jüngsten hier erstmals eine letzte Ruhestätte fanden, nahm diese Erde bereits jung Verstorbene auf, in ihrer Mehrzahl Männer, in erschreckend hoher Zahl. Die rote Aids-Schleife am Grabmal verbindet sie; auch hier kennt man keine religiöse Trennung. „Es ist ein einzigartig schöner Friedhof“, sagt Wolfgang Schindler vom Verein „Efeu“. „Und Schwule haben eben einen guten Geschmack.“ Die Berliner Schwulenszene lebte ganz in der Nähe am Nollendorfplatz, und der Friedhof sei schon damals besonders liberal und offen für das Andere gewesen.

Ab den 1990er-Jahren hatten Freunde und Verwandte von Aids-Verstorbenen den Wunsch, besondere Bestattungsformen zu entwickeln. Der Verein „Denk mal positHIV“ übernahm die Patenschaft für die großzügige Grabstätte des Unternehmers Albert Streichenberg (1811 bis 1900). Seither werden hier Menschen mit HIV und AIDS zu Grabe getragen. Im vergangenen Jahr ist das Gräberfeld für Aids-Opfer weiter vergrößert worden.

Am Tag des Rundgangs mit Wolfgang Schindler schreiten Angehörige und Freunde eines Verstorbenen in die Trauerhalle. Am Eingang stehen eine Schachtel und ein Schild: „Im Sinne von Rüdiger bitten wir um eine Spenden an die Deutsche Aidshilfe.“ Etwa 4 600 Männer und Frauen sind seit Ausbruch der Seuche Anfang der 1980er-Jahre in Berlin an Aids gestorben.

Wolfgang Schindler pflegt eine sehr diesseitige Beziehung zu diesem Friedhof. Als Vereinsmitglied veranstaltet er Führungen, wobei er auch mal ein altes Mausoleum aufschließt. Er liebt den zauberhaften Ort voller alter Bäume und kunsthistorischer Schätze, an einem Hang des Schönebergs gelegen.

Seinen Platz für die Ewigkeit hat sich Wolfgang Schindler längst gesichert: Er ist Grabpate. Diese übernehmen auf ihre Kosten die Restaurierung und Pflege der oft beschädigten historischen Bauwerke, wenn keine Angehörigen mehr leben und die Nutzungsrechte abgelaufen sind. Im Gegenzug erwerben sie das Recht, im Patengrab selbst ihre letzte Ruhe zu finden. Die „Neuen“ bewahren damit den alten Charakter. Prächtige Mausoleen, tempelartige Wandgräber, freistehende Engelsfiguren oder schlichte Stelen mit Reliefs aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert wären ohne die Zuneigung der privaten Denkmalfreunde nicht mehr zu bewundern.

Wolfgang Schindler betreut das Grab des Bergwerksbesitzers Dr. Ernst Noah, dem ein Hüttenwerk in Oranienburg gehörte. Ein prächtiges Grabmal mit Säulen, Simsen, Giebeln und Pflanzfläche. „Für mich ist das wie ein kleiner Garten“, sagt er. Sein eigener Name wird am Ende seiner Tage auf einer in den Boden eingelassenen kleinen Steinplatte stehen. Das Original-Grabmal darf nicht verändert werden.

Künftige Bewohner des Friedhofs gibt es in großer Zahl. Das Grab „Stern“ übernahm ein Freundeskreis, das Grab „Richter“ eine Familie als eigenes, besonderes Privatmausoleum. Paten können Einzelpersonen sein, Firmen, Vereine und sonstige Institutionen. Viele schöne Grabmale seien schon vergeben, verrät Wolfgang Schindler, aber man sei immer wieder überrascht, was für ein Schmuckstück nach einer Restauration entstehen könne. Erst wenige Paten sind bereits in ihrem Gärtchen beigesetzt worden, die Lebenden besuchen und pflegen regelmäßig ihr künftiges Grab. In heiterer Gelassenheit.

Die grandiosesten und eindrucksvollsten Grabmale stehen aber nicht frei zur Vergabe. Sie machen den kulturhistorisch bedeutendsten Abschnitt des Spaziergangs durch die Berliner Geschichte aus. Da ist zum Beispiel das Mausoleum der Familie von Carl Bolle, Gründer und Besitzer der Meierei Bolle, der die nach 1880 massiv expandierende Stadt als erster im großen Stil mit Milch versorgte.

Und dort steht fein restauriert das Mausoleum des Eisenbahnpioniers Henry Strousberg, der gigantisch baute und gigantisch scheiterte. Die Pleitemasse ging ein ins Vermögen der Unternehmer- und Bankiersfamilie Hansemann, seinerzeit eine der reichsten Deutschlands. Dementsprechend das Grabmal: das größte des Friedhofs, sorgfältig saniert mit Hilfe der Deutschen Bank.

Fin für Ende, novo für neu

Viele Besucher gehen zu den Gräbern des Arztes Rudolf Virchow, des Pädagogen Adolf Diesterweg oder des Chemikers Eilhard Mitscherlich. Doch zu niemandes Ruhestätte pilgern so viele wie zu den schlichten schwarzen Stelen von Jacob und Wilhelm Grimm, den großen Märchensammlern und Bewahrern der deutschen Sprache. Viele Sternenkinder-Eltern empfinden es als Freude, dass ihre Kleinen in der Nähe der Brüder liegen.

Ironischerweise zählt ein Märchen zu deren Schatz, das die größte Plage für den St.-Matthäus-Friedhof (und nicht nur für diesen) erzählt und schnurstracks in die Gegenwart führt: „Der Meisterdieb“. Dessen Nachkommen dringen ein, stehlen Kupferplatten von den Dächern, Zaunteile, brechen Metall aus den Grabmalverzierungen, nehmen Figuren mit. Selbst das Regenwasserfallrohr der Trauerhalle ist an der höchsten, nur über Teleskop-Leiter erreichbaren Stelle abgesägt. Nun leitet ein graues Plastikrohr das Wasser ab. Die Denkmalschützer kapitulieren: Sie bestehen nicht mehr auf Ersatz der Kupferdächer durch Kupferdächer. Nach dem zweiten Klau darf Dachpappe auf den Hansemann-Tempel.

Der Rundgang zwischen altem und neuem Jahr endet angenehm im Friedhofscafé. Es heißt Finovo. Fin für Ende, novo für neu.