Berlins Altstadt wird zunehmend zum idyllischen Mythos. Dabei hat das Stadtmuseum in seinen Ausstellungen gezeigt: Diese Altstadt litt schon um 1870 unter Auszehrung, kam herunter zum Slum. Ihre heute als Signal bürgerlicher Seriosität gepriesene „Kleinteiligkeit“ hat es schon um 1900 nur noch auf den Parzellenplänen gegeben. Damals wuchs Berlin zu einer wirklichen Metropole auf, mit Spannungen, kultureller und wirtschaftlicher Kraft. Es hatte eine Dynamik, die nur in den 1920ern wieder erreicht wurde und die heutige weit übertraf. Die Altstadt als sozialer Kosmos verschwand hingegen lange vor den Enteignungen der Nazis und der Zerstörung durch den Krieg und die DDR-Stadtplanung.

Vor dieser Folie müssen die Debatten um die künftige Gestaltung der Gelände zwischen Fernsehturm und Spree gesehen werden. Es gibt dabei mehr als die drei Möglichkeiten, die Senatsbaudirektorin Regula Lüscher als künftige Debattenthemata vorstellen will. Sollen wir „kleinteilig“ und „nach historischem Vorbild“ bauen – aber welches Vorbild wäre das? Die Kleinstadt der Mitte des 19. Jahrhunderts, die von Menschen entleerte Geschäfts- und Büro-City der Kaiserzeit und der Weimarer Republik? Zudem: Kleinteiligkeit ist kein Allheilmittel, wie man am Friedrichwerder sehen kann. Dort subventionierte die Stadt Berlin mit billigen Grundstücken Häuschen mit sehr wenigen Wohnungen für sehr wohlhabende Menschen. Das Resultat ist eine bunte, tote Siedlung mitten in der Innenstadt.

Ersatz für das Tempelhofer Feld?

„Freilassen“ sei die zweite Möglichkeit – aber können wir uns das leisten? Berlin lebt vom Geld Süd- und Südwestdeutschlands. Es muss diese Dauersubvention rechtfertigen durch guten Umgang mit seinen Ressourcen. Hier liegen alle Leitungen, die eine Stadt braucht, die U-Bahn wird gerade gebaut, der Platz ist weitgehend freigelegt. Aber da sei ja noch, so Lüscher, der Bau für„öffentliche Institutionen“ zu debattieren. Also noch ein Museum? Oder wird hier vorgesorgt für den Fall, dass die Zentral- und Landesbibliothek nicht auf dem Tempelhofer Feld errichtet werden kann?

Gar nicht hingegen taucht in ihrem Katalog die wichtigste Alternative auf: Die Errichtung von hochverdichtetem, für breite Bevölkerungsschichten erschwinglichen Massenwohnungsbau. Dann würde die Infrastruktur durch angemessen viele Menschen genutzt, die Innenstadt könnte wieder ins wirkliche Leben treten. Und: Solche Häuser könnten weit besser als die „Kleinteiligkeit“ den Maßstab der Wohnriegel aus DDR-Zeiten aufnehmen.

Vorbilder? Man sehe sich nicht das Nikolai-Viertel oder die neckischen Planungen für den Molkenmarkt mit ihrem privatisierenden Hausgruppen-Fetischismus an, sondern die dichtgepackten, auf acht bis neun Geschosse reichenden Wohnungsbauten der Boulevards von Paris, von Barcelona, des Reformwohnungsbaus von New York oder London aus dem frühen 20. Jahrhundert. Nachteile? Man müsste mit den Berliner Besitzstandswahrern streiten lernen.

Wer Platz verschenkt, braucht ihn nicht

Man dürfe doch nicht so wertvolle Grundstücke für Sozialbauten verwenden. Tatsächlich ist Sozialbauförderung immer eine auf relativ kurze Zeit angelegte Subvention. Aller Erfahrung nach kommt sie vor allem den Vermietern zu Gute. Nein, hier wäre das richtige Gelände für auf das Gemeinwohl verpflichtete Baugenossenschaften. Und zwar sollten nach Wiener oder Münchner Vorbild viele von ihnen zum Zug kommen, damit Vielfalt garantiert und Korruption behindert wird. Dichte ist kein Selbstzweck. Sie ist sinnvoll aus ökologischen, kulturellen, sozialen und ökonomischen Gründen. Wer Platz verschenkt, braucht ihn nicht für sinnvolleres. Dass er in London, Paris, Moskau, New York oder Schanghai so teuer, also kostbar ist, hat damit zu tun, dass diese zum Wohlstand ihrer Länder beitragen können und wollen. Auch Berlin kann auf Dauer nur entweder provinzialisieren oder das Wagnis der Dichte, des urbanen Stresses eingehen. Warum dann nicht dort damit anfangen, wo alles vorbereitet ist – in der längst verschwundenen Altstadt.

Eine Parkanlage kann, wenn genug Menschen sie erreichen, auch eine intensive Nutzung von Ressourcen sein. Aus „Kleinteiligkeit“ aber droht im Fall der Berliner Altstadt nur das Füllen privater Geldbörsen zu werden, verbunden mit antimetropolitaner Nostalgie.